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Zur Definition des Begriffs "freie Gruppen"

Unter den Begriff "Freie Gruppen"' fallen jene Theatermacher, die außerhalb der etablierten Groß-, Mittel- und Kleinbühnen 'frei' und professionell arbeiten und produzieren, sich als Gruppe zu einem Verein zusammengeschlossen haben und ein Projekt verwirklichen wollen. Dies betrifft die Sparten Sprechtheater, Bewegungstheater, Performance, Tanztheater, musikalisches Theater sowie etwaige Mischformen.
Leitfaden für Förderwerber des Kulturamtes der Stadt Wien, S. 1; hier zit. n. Hirschbüchel 1991, S. 27

Eine genaue Definition des Begriffs "freie Gruppen" ist auch mehr 25 Jahre nach deren erstem begrifflichen Auftreten nicht möglich. Zu unterschiedlich sind die verschiedenen Organisationsformen, in denen einzelne Gruppen und Theaterformationen im nicht institutionellen Bereich agieren, zu sehr unterscheiden sich auch die ästhetischen Posititionen und künstlerischen, aber auch organisatorischen und strukturellen Herangehensweisen.

Dennoch können zumindest eine Reihe von Aspekten gelistet werden, die sich immer wieder in den Arbeiten und Organisationsformen sog. "freier Gruppen" finden lassen, u. a.:
  •   wesentlich war in den ersten Jahren nach der Entstehung des Begriffs die Forderung, "freie Gruppen" in Abgrenzung mit Laien- oder Amateurtheater, aber auch zu Studententheatergruppen als eigene, professionelle Organisationsform anzuerkennen; vielmehr sehen sich "freie Gruppen" als - kurzfristiger wie auch nachhaltiger - Zusammenschluss professioneller Theaterschaffender für eine oder mehrere Produktionen, Prozessarbeit, in den letzten Jahren auch im Rahmen von festen, tlw. ebenso wie klassische Theaterformen auch hierarchisch strukturierte Organisations- und Arbeitseinheiten;


  •   zur Definition "freie Gruppe" zählte in den ersten Jahren auch die Forderung nach keinen fixen Spielstätten und Aufführungsorten.
    Anlässlich einer Befragung im Jahr 1990/91 gaben 93 % der "freien Gruppen" an, keinen festen Spielort zu haben; nur 7 % verügten über eigene Proben- und Aufführungsräume.
    Diese Forderung nach keinen festen Räumen (Proben- und Arbeitsräume für Prozessarbeiten inbegriffen) hat sich in den letzten 25 teilweise stark geändert: Heute zählen auch Gruppen mit festen Spielorten (in Wien etwa Theater Spielraum oder 3raum), zumindest was die Vergabrichtlinien der öffentlichen Fördertöpfen betrifft, zur sog. "freien Szene" und werden aus dem Projektförderungsbudget der Stadt Wien subventioniert, während andere Gruppen sich aus dem Verbund "freier Gruppen" lösen, um in neuen, teilweise ähnlich konstituierten Strukturen zu "Klein-" und "Mittelbühnen" werden, etwa das TAG (ein Verbund dreier ehemals "freier Gruppen") oder Kosmos Theater und Schauspielhaus (mit klassischen hierarchischen Struktur- und Organisationsformen);


  •   keine hierarchischen Strukuren (wobei sich diese Definition der frühen Jahre in den Organisationsstrukturen zeitgenössischen Gruppen zum Teil nicht mehr finden lässt, während sie in der künstlerischen Arbeit in großen Teilen noch nachzuweisen ist bzw. im ästhetischen Diskurs behauptet wird). 1990/91 gaben 90,2 % der "freien Gruppen" anlässlich einer Befragung an, in stabilen Kerngruppen und über mehrere Jahre hinweg als feste Organisationsstruktur zu arbeiten; eine Kerngruppe bestand in den 90er-Jahren aus ca. 4 Personen, ein Ensemble bei einer konkreten Produktion (Projektförderung) aus ca. 11 Personen, wobei davon 8-9 Personen künstlerisches Personal (Regie, Schauspiel, Bühnenbild sowie AutorInnen) und die weiteren 5 Personen aus den Bereichen Administration (1) und Technik (1-2) kamen. Die Bereiche Marketing, Presse oder Dramaturgie schienen hingegen bei den Befragungen in den 80er- und 90er-Jahren von geringerer Bedeutung. Erst ab der Jahrtausendwende lasst sich hier ein auffallender Umschwung in Richtung professionellere Produktions-, Presse- und Marketingarbeit sowie eine verstärkte Anbindung an theoretische Metadiskurse (Vermittlung, Theorie, Dramaturgie) ausmachen, die sich auch in den Besetzungen der Gruppen widerspiegelt (nahezu alle haben PressesprecherInnen bzw. arbeiten heute mit einem Marketing- und Pressebüro zusammen, und fast alle "freien Gruppen" arbeiten mit DramaturgInnen und/oder VertreterInnen aus Theorie und Vermittlung zusammen);


  •   um 1990 gab es, ausgehend von den weniger hierarchischen Strukturen der "freien Gruppen", auch keine expliziten Arbeitsteilungen, was u. a. für einige Jahre zu einem weiteren Definitionsmerkmal "freier" Theaterarbeit wurde; auch dies hat sich im Laufe der 2007 bereits 30 Jahre alten Tradition der "freien Szene" wesentlich geändert: Nahezu alle Gruppen, studiert man deren Websites, haben klassische hierarchische Strukturen, von der künstlerischen (und teilweise davon auch schon getrennten administrativen/kaufmännischen) Leitung über Bühne, Kostüme und Schauspiel bis hin zu Technik, Presse und Administration. Dies hat zum einen seine Gründe in der immer wieder geforderten "Professionalisierung" der "freien Gruppen", führt auf der anderen Seite jedoch zu einer neuerlichen verstärkten Annähung an Organisationsformen des klassischen "etablieten" Theaters.

  •   "frei" definierte ursprünglich eine größtmögliche Freiheit von ökonomischen und strukturellen, aber auch sozialen Zwängen - gerade diese Definition muss heute aufgrund der immer prekärer werdenden existenziellen Situation als bislang noch nicht realisiertes Ziel bezeichnet werden.

    Noch heute sind zahlreiche "freie Gruppen" als Vereine organisiert, was auch mit der Bedingung einer notwendigen "Rechtsform" für Subventionsansuchen bei Stadt und Bund zu tun hat; Gesellschaften findet man demgegenüber eher selten, und auch die Arbeitsform der "Arbeitsgemeinschaft" (Arge) gilt in rechtlicher Hinsicht nicht bei Einreichungen; interessant ist, dass es in den 90er-Jahren noch knapp 16 % an "freien Gruppen" gab, die "ohne Rechtsform" tätig waren (vgl. dazu Hirschbüchler 1991, S. 50).

    In Bezug auf Ausstattung, Infrastruktur nd Marketingtools etwa gaben 1990 die "freien Gruppen" folgende Informationen: Über 50 % dokumentierten ihre Theaterarbeit (65 % Film/Video, 63 % schriftlich, 58 % durch Fotos und Bildmaterial), knapp 45 % gaben an, nachhaltige Probemöglichkeiten (45,1 %, wobei hier auch gemeinsam genutzte Proberäume inkludiert waren; die restlichen 55 % probten teilweise in ihren Privaträumen bzw. erst kurz vor den Aufführungen am Aufführungsort) sowie technisches Equipment (43 %) und einen Kostüm- (36 %) bzw. Bühnenausstattungsfundus (30 %) zu haben.
    Nur knapp 23 % hingegen verfügten in den 90er-Jahren über eigene Büros und nur knapp 7,5 % über eigene feste Spielstätten.

  •   "freie Gruppen" sehen sich selbst als dem ästhetischen "Experiment" offenere Formationen an - in den letzten Jahren haben sich hier aufgrund der Verschiebungen innerhalb künstlerischer Paramter ebenfalls zahlreiche Verändungen ergeben, auch große Häuser und institutionelle Theater (Staatstheater, Festivals) arbeiten an der Schnittstelle von Theater und Performance, Installation, "Multimedia" u. a. m., so dass diese ursprüngliche Definition "freier Theaterarbeit" heute nicht mehr allein als für "freie Gruppen" geltend bezeichent werden muss;


  •   zu den ästhetischen Merkmale von "freien Gruppen" zählte von Anfang an auch eine Öffnung gegenüber anderen "Sparten" und eine Ablehnung sog. "Spartentrennung"; auch diese Forderungen der 80er- und 90er-Jahre scheinen im derzeitigen Fördersystem im Bereich "freies Theater" noch nicht durchgehend eingelöst; so finden sich etwa im sog. "Theaterkuratorium", aber auch im Beirat des Bundes noch immer ausgewiesene SpezialistInnen einzelner Bereich, etwa aus Tanz, Sprechtheater oder sog. "Kindertheater", während die Kuratoren in Hinblick auf andere Sparten, wie etwa Musiktheater oder soziokulturelle Formen, über keine ausreichenden Kompetenzen verfügen; eine Ausweitung der mit der Geldvergabe betrauten Organe auf mehr als drei Personen oder andere Strukturformen in der Subventionsvergabe bleiben hier noch heute ein wesentliches Desiderat in der politischen Verwaltung im Bereich "freies Theater"
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  •   ein weiteres künstlerisches Merkmal der frühen Jahre war die Ablehnung der sog. klassischen "Guckkastenbühne" und der "vierten Wand", ein "Hinausgehen" aus dem Theaterraum, u. a. in andere Räume (Kaffeehäuser, Privaträume, Hallen) bzw. in den letzten Jahren vor allem auch in den öffentlichen Raum; dennoch finden sich im Laufe der Zeit auch hier zunehmende Tendenzen, von dieser ursprünglichen Definition abzukehren und sie nicht mehr als eines der Grundprinzipien "freier" Theaterproduktion zu sehen; so arbeiten zahlreiche "freie Gruppen" heute sowohl in klassichen Theaterräumen wie in anderen Raumstrukturen; die Entscheidung für einen bestimmten Ort wird vielmehr von den ästhetischen Ausgangspunkten bzw. Zugängen zu einer konkreten Arbeit, vielfach jedoch auch von den vorgegebene Möglichkeiten (Raumangebote, Kooperationen) bestimmt;


  •   Vernetzung/Netzwerkarbeit und Gastspiele: Während in den ursprünglichen Definitionen "freien Theaters" noch weniger auf Kooperationen und Vernetzungen zwischen den unterschiedlichen, auch ästhetisch und politisch teilweise sehr verschieden ausgerichteten Gruppen hingewiesen wurde und diese nicht notwendig in den Definitionskanon "freier Gruppen" eingereiht wurden, ist Netzwerkarbeit heute eines der Grundvoraussetzungen, vgl. dazu etwa auch die Forderungen in der sog. "Theaterstudie" der Stadt Wien 2003; demgegenüber gaben bereits in den 90er-Jahren an die 60 % der Gruppen an, Gastspiele zu geben - wobei nicht zwischen nationalen und internationalen Gastspielen unterschieden wurde -, knapp 50 % gaben an, ihre Produktionen wiederaufzunehmen - dies scheint sich auch nach 2000 zu bestätigen -, und nur 22,5 % der freien Gruppen in den 90er-Jahren gaben an, weder ihre Produktionen außerhalb ihrer Stadt zu zeigen noch ältere Arbeiten wiederaufzunehmen.


  •   Proben- und Prozessdauer: Um 1990 gaben bei einer Befragung die meisten "freien Gruppen" an, ca. 6 Monate an einer Produktion zu arbeiten. Diese auffallende Länge an einer einzelnen Produktionsarbeit hatte nicht zuletzt mit den nicht hierarchischen Strukturen und der damit einhergehenden längeren Prozessarbeit, teilweise auch mit der Notwendigkeit, daneben in anderen Berufen zu arbeiten und schließlich auch mit der künstlerischen Arbeit an einem sehr oft nicht vorgegenen (festen) Textcorpus, um nur drei der Gründe dahiner zu listen, zu tun. Die "reine" Probenzeit für ein Stück betrug innerhalb der Gesamtproduktionszeit ca. 8-9 Wochen, also ebenfalls um ca. 1 Monate mehr als im "klassischen" Theaterbetrieb (bei weniger Arbeitsstunden am Tag - angegeben wurden ca. 4,6 h/Tag).
    Noch 2007 steht diese Prozessarbeit im Zentrum einer Reihe von Produktionen und "freier Gruppen"; so arbeitet etwa das theatercombinat mit 170.000 Euro/Jahr allein aus dem Topf der Stadt Wien im Bereich "freies Theater" an einer Koproduktion mit dem Tanzquartier Wien (das weitere infrastruktuelle und institutionelle Unterstützung für diese "freie Gruppe" bietet); andere Projekte arbeiten an der Schnittstelle von prozessorienter Theoriarbeit, Workshops und performativen Praktiken mit und ohne Publikum wie etwa das Pathoslabor rund um den Bilderwerfer-Gründer, den Tänzer und Choreografen Daniel Aschwanden; wieder andere Gruppen arbeiten ohne Finanzierung der Stadt Wien and interdisziplinären Prozessen (etwa die Gruppe GRENZ-film mit ihrem mehrjährigem Projekt Philosophy on Stage).
    Insgesamt lässt sich hier eine Tendenz bemerkbar machen, die prozessuales Arbeit nicht mehr nur als strukturelles und (finanziell notwendiges) organisatorisches Moment, sondern vielmehr als integraler Teil der ästhetischen Auseinandersetzung selbst versteht.