< zurück

Presseinformation der IG Freie Theaterarbeit vom 21.05.2007 zum Thema Theaterreform

Eine Theaterreform hat nicht stattgefunden - die eigentliche Reform heißt Musical

Ziel der Wiener Theaterreform war die Öffnung und synergetische Nutzung bestehender Raumstrukturen, die Freisetzung von Produktivmitteln im Projektbereich, die Beendigung der freihändigen Vergabe eines steigenden Anteils von Fördermitteln vorbei an den installierten Gremien durch die MA7 sowie eine Umstrukturierung der Einreichtermine um eine größere Planungssicherheit zu erlauben und - als Bonbon - die Eröffnung eines international relevanten Koproduktionshauses als signifikantes Zeichen der Reform. Dazu sollten neue Schwerpunkte gesetzt werden auf Nachwuchs, Tanz, Interkulturalität und Theorie.

Nichts davon hat stattgefunden: Weiterhin werden beinahe alle Mittelbühnen und Kleintheater auf Privatbasis ohne eine signifikante Öffnung oder Umstrukturierung mit öffentlicher Förderung weitergeführt. Die Projektförderung durch das Kuratorium stagniert bei 2,5 Millionen Euro - und ist damit real gesunken, statt auf mindestens 4 Millionen Euro erhöht zu werden.
Adi Hirschal und Wiener Operettensommer sind aktuelle Beispiele der freihändigen Vergaben, von denen der Stadtrat nicht müde wird zu betonen: das geschähe abseits der Jahrhundertreform. Statt eines neuen Koproduktionshauses wurde allein das dietheater mit künftig 1,5 statt bislang 1 Millionen Euro als Koproduktionshaus minimalistisch aufgewertet. Die in das Haus projizierten Ziele sind mit diesem Budget nicht zu erreichen.
Budgetäre Schwerpunktsetzungen für Nachwuchs, Tanz, Interkulturalität oder Theorie fehlen nach wie vor völlig, ebenso wie eine Evaluation des gesamten Prozesses.
Nie wurden die selbst gesetzten Entscheidungsfristen von 3 Monaten eingehalten. Auch heute - am 20. Mai - sind die Ergebnisse der Projekteinreichungen vom 15. Jänner noch nicht kommuniziert, während die Deadline zum Folgeeinreichtermin am 15. Mai verstrichen ist - eine unhaltbare Logistik auf dem Rücken der Theaterschaffenden ausgetragen wird.
Der eigentliche Skandal jedoch liegt in der Verhältnismäßigkeit:
Das Etablissement Ronacher wird derzeit für 46 Millionen umgebaut und künftig jährlich mit 22 Millionen Euro subventioniert - das ist der Umfang sämtlicher Häuser und Förderungen der Reform für einen umstrittenen Musicalbetrieb.
Das Theater an der Wien wurde von 8,4 Millionen auf 12 Millionen Euro Förderung zum Opernhaus aufgewertet und erhält zusätzlichen Support durch die eigenständige Finanzierung seines Orchesters - der Wiener Symphoniker - mit 10 Millionen Euro. Verbindliche Fensterformate für die Freien Theater fehlen jedoch in allen großen Häusern.
Die kleinen Skandale innerhalb der Reform sind Peanuts gegen diese Summen.
Die eigentliche Reform hat im Bereich der Hochkultur stattgefunden, bzw. in der millionenschweren Ausrichtung auf Event und Unterhaltung.
Alles andere bleibt Ablenkung - eine Ablenkung, die die freien Theaterschaffenden weiterhin dauerhaft im Prekären hält und für viele mit ihrem gesamten Schaffen im freien Segment Engagierte aktuell das drohende Aus ihrer künstlerischen Existenz bedeutet.
Es bedürfte eines grundlegenden Umdenkens und einer Umverteilung der Mittel, damit das freie Theater seine Produktivkraft entfalten kann - erst dann ließe sich der Prozess der vergangenen Jahre zu Recht als Reform bezeichnen.

Quelle: Newsletter der IG freie Theaterarbeit Österreich, Nr. 1907 (Nr. 19 - Mai 2007)

Mehr unter:
Endstück oder Zwischenbilanz? Die Wiener OFF Theaterreform. Von Sabine Kock. In: gift - zeitschrift für freies theater mai/juni 07, S. 20ff.

Die Mai/Juni-Ausgabe des Mitglieder-Zeitschrift entählt darüber hinaus einen spannenden Beitrag von Theater-Spielraum-Leiterin Nicole Metzger zum Thema "Kulturpass".