1898 wurden hier vom jüdischen Architekten Oscar Marmorek die Nestroysäle erbaut. Marmorek, ein enger Freund von Theodor Herzl, hatte auch den Rüdigerhof im 6. Bezirk und das Gasthaus "Zu den drei Lerchen" in der Lerchengasse geplant. Ganz in der Tradition des klassischen Jugendstils erbaut, zählten die Nestroysäle zu den klassischen Wiener Vergnügungsetablissements jener Jahre, wie man sie damals auch vom Prater (Wien II) oder von den Apollosälen (Wien VI) her kannte. So gab es ein Wirtshaus, eine Bierhalle und ein Restaurant in der Form eines Wintergartens - vor allem aber den Theatersaal, das sog. Intime Theater, und im Keller befand sich von 1907 bis 1938 mit der Tanzbar Sphinx eine der bekanntesten Wiener Nachtbars der damaligen Zeit, deren Wandgemälde man heute noch im Keller des nunmehrigen Theater Nestroyhof findet.

In den folgenden Jahren wechselten die Räume ihren Namen in Café, respektive Theater Reclame und schließlich in Jüdische Künstlerspiele, die am 26. Oktober 1927 mit Schalom Aschs Der Glaube eröffnet wurden.
Der damalige Leiter war Jakob Goldfließ, und so berühmte Namen wie Hans Moser und Leo Reuß finden sich auf den Besetzungszetteln jener Jahre, in denen ein gemischtes Repertoire für jeden Geschmack auf dem Programm stand. Zum Ensemble zählten u. a. "Paula Dreiblatt, Mina Deutsch, Lea Weintraub- Graf, Klara Meisels und Rachel Weissberg, Bernhard Wittler, Dolly Nachbar, Benzion Sigall und Mayr Zelniker. Ebenfalls traten auf der Bühne der Jüdischen Künstlerspiele Laur a Glücksmann, Adolf Bell, Cilly Bell, Emil Schorr, Hermann Tunis und Herman Weinberg auf. Auch Isaak Deutsch zählte 1928 zu den Gästen, sowie ein Teil der Wilnaer Truppe, die 1930 und 1933 gastierte. Die Jahre 1934 bis 1936 prägte die Pastor -Siegler Truppe. Sogar Mitglieder des Schwartz’schen Kunsttheaters in New York gastierten auf dieser Bühne." (1)
Die Bühne galt als eine der beliebtesten jüdischen Theater in Wien in diesen Jahren, als
" jüngste und vielseitigste, sozusagen auf modernem Wege befindliche Bühne Wiens. [...] Jüdische Operetten, Melodramen amerikanischer Art und modernes jüdisches Sprechtheater." (2)
Einen Überblick über das Repertoire und die Aufnahme der Bühne bietet die Diplomarbeit von Theresa Dienstl Dienstl Jüdisches Theater in Wien in den 1930er - Vermittlung der jüdischen Identität aus dem Jahr 2013.

In den Jüdischen Künstlerspielen, einem der künstlerischen Zentren der "Mazzesinsel", wie die vorwiegend jüdisch besiedelte Wiener Leopoldstadt damals genannt wurde, gab es alles, vom literarisch hochwertigen Kammerspiel eines Strindberg, Maeterlinck oder Gorki bis hin zu Komödien mit den viel sagenden Titeln wie Die Höschen der Baronesse, Auf der Alm... oder Er liegt unterm Bett, vom Kabarett bis hin zu Gastspielen jiddischer Truppen aus Budapest, Warschau, Wilna und Galizien sowie des berühmten isrealischen Ensembles der Habima. Unter der Leitung von Jakob Goldfließ präsentierten die Jüdischen Künstlerspiele Abende, die Zionismus, jüdische Identität und Antisemitismus thematisieren, etwa wie Arnold Zweigs Drama über eine antisemitische Ritualmordlegende Die Sendung Semaels in ein er deutsch-jiddischen Inszenierung. Man konzentrierte sich bereits in diesen frühen Jahren des Antisemtismus auf sehr mutige Weise auf das jiddisch sprechende Publikum und bot damit entlang der Praterstraße - dem damaligen "Broadway von Wien" - neben dem Carltheater, der Rolandbühne und der Jüdischen Bühne sowie den zahllosen Tanzcafés und anderen Unterhaltungslokalen ein ganz spezielles Programm in der "Theaterstadt" Wien.

Die jüdischen Bühnen Wiens präsentierten eine besondere Facette der Wiener Theaterkultur. Die "jiddische" Theaterszene Wiens hatte ihre Wurzeln in den wandernden Theatertruppen aus Galizien und Rumänien, die von Land zu Land, von Engagement zu Engagement tingelten und in ihrem Repertoire, das meist sowohl in deutscher, jiddischer und hebräischer Sprache angeboten wurde, sowohl Unterhaltungsstücke wie auch Dramen der sog. "Hochkultur" und Zeitstücke wie eben jenes von Arnold Zweig. Mit dem Nationalsozialismus und der Shoah änderte sich das Bild ebenso abrupt wie "nachhaltig": Heute ist kaum noch etwas von dieser jahrzehntelangen Tradition mehr zu spüren, und nur wenige wissen tatsächlich noch, wie viele theaterhistorische Meilensteine es entlang der Praterstraße einmal gab.
1938 wurde das Haus, in dem sich die Jüdischen Künstlerspiele befanden, "arisiert". Die damalige Besitzerin, Anna Stein, musste ihren Besitz an die Familie Polsterer "verkaufen" (andere nennen es heute: "amtlich gestohlen"), ehe sie deportiert und ermordet wurde. Der künstlerischen Direktor des Theaters, Jakob Goldfliess, ging ebenso in die Emigration wie dessen Hausautor Abisch Meisels oder die Schauspieler Samuel Harendorf und Doli Nachbar.

Abisch Meisels, gemäßigter Zionist, der jedoch zeit seines Lebens nicht nach Israel ging, zählte zu den großen Stützen der Jüdischen Künstlerspiele. Er war Dramatiker, Librettist und Kritiker, aber auch hie und da Souffleur und gelegentlich sogar selbst als Schauspieler an diesem Theater tätig. Seine Revuen spiegelten die Konflikte jener Jahre wieder - nicht zuletzt auch innerhalb der unterschiedlichen jüdischen Strömungen - und charakterisierten die Problematik der Zeit auf ebenso unterhaltsame wie ironische Weise.
Erst vor wenigen Jahren wurde Meisels jiddische Revue Von Sechistow bis Amerika im YIVO-Archiv in New York wiederentdeckt, in der es - eine Revue über das Schicksal einer jüdischen Familie auf dem Weg von Galizien nach Amerika, über Sprachschwierigkeiten und Vorurteile ebenso wie über Mietwucher und Antisemitismus und nicht zuletzt der Ablehnung der etablierten jüdischen Gemeinde Wiens gegenüber Neuankömmlingen aus den eigenen Reihen.
Von Sechistow bis Amerika hatte ihre Uraufführung im Frühjahr 1927 am Jüdischen Künstlerkabarett in der Praterstraße 60. Wenige Jahre später wurde sie in einer neuen Fassung an den Jüdischen Künstlerspielen wiederaufgenommen.
Meisels floh im Mai 1938 in die CSSR und konnte, als im Herbst des Jahres auch das Sudetenland von den Nationalsozialisten besetzt wurde, als Korrespondent einer jiddischen Zeitschrift in London für sich, seine Frau Klara und seine Tochter Ruth ein lebensrettendes Visum nach Großbritannien erhalten, wo er weiter am jiddischen Theater tätig war. Zehn Jahre nach Kriegsende verfasste er anlässlich der Internationalen PEN-Club-Konferenz 1955 einen Text über seine anhaltenden Frage nach dem Verbleib von Freunden und Bekannten vergangener Tage: Nicht mehr hier.
Zwar kam es im Zuge der Restitutionsverfahren der ersten Nachkriegsjahre zur Rückgabe des Grundstückes, doch wie in den meisten Fällen dieser frühen Restitutionsfälle muss auch hier von einer unkorrekten Vorgehensweise gesprochen werden. Die Nachkommen der ehemaligen Besitzerin überließen das Gebäude letztlich erneut der Familie Polsterer, und zwar um eine Summe von nicht mehr als 3.500 Schilling, die genauen Umstände der damaligen Verhandlungen und des Vertragsabschlusses sind noch heute nicht ganz geklärt, und der derzeitige Miteigentümer des Hauses, Martin Gabriel, bemüht sich zwar seit einigen Jahren um eine Wiederbelebung des Theaters, hüllt sich jedoch in Fragen zu genauen Besitzverhältnissen und dem Arisierungs- bzw. Restitutionsverfahrens in Schweigen.

Die Jugendstilräume wurden bereits ab 1905 auch als Kinosaal benutzt.
Die KonzessionärInnen waren ebenfalls bis 1938 mosaisch.
Über die Jahre 1938 bis 1965 ist uns zurzeit, was den Kinobetrieb betrifft, wenig bekannt.
1965 wurde hier u.a. eine Robert-Flaherty-Retrospektive gegeben, und Robert Hochner sah hier in seiner Jugend bis zu drei Filme täglich.
(Im Österreichischen Filmmuseum finden sich heute noch alte Plakate zu den aufgeführten Filmen im Nestroysaal).
Nachdem das Kino am 31. Oktober 1975 geschlossen wurde, bezog ein Supermarkt die Räumlichkeiten.

1997 schloss auch dieser. Und bereits damals begannen die Diskussionen um eine Wiederbelebung diese für die Geschichte des "Leopoldstädter Broadways" Praterstraße so wichtige Bühne.
Einige Jahre bemüht sich das Jüdische Theater Austria (JTA) um eine Renovierung des Theatersaals und eine Reaktivierung des Theaters, das neben dem Odeon in der Taborstraße damit das einzige Theater in Wien-Leopoldstadt wäre.
2009 wurde das Theater neuerlich unter den Namen Theater Nestroyhof Hamakom (künstlerische Leitung: Frederic Lion) eröffnet und die ehemalige Bar-Anlage im Keller sorgfältig freigelegt. (3)
Mittels privater Fördermittel konnte mit Mai 2008 mit den Mieteigentümern ein unbefristetes Mietverhältnis für die Nutzung der Theaterräumlichkeiten eingegangen werden. Die Gruppe Theater im Nestroyhof Hamakom entwickelte ein Konzept zur gesamten Bespielung des Hauses und seiner längerfristigen Reaktivierung in der Wiener Theaterlandschaft. Dieses Konzept wird seit 2009 vom Kulturamt der Stadt Wien gefördert. Die Initiative erhielt hierzu einen Baukostenzuschuss von der Stadt Wien von 400.000 Euro.


Quellen & Links:
(1) Theresa Dienstl: Jüdisches Theater in Wien in den 1930er - Vermittlung der jüdischen Identität. Dipl. Univ. Wien 2013, S. 67.
(2) Die Stimme, 5.1.1928.
(3) Ich habe eine Hoffnung
www.theater-nestroyhof-hamakom.com

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