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Das Meidlinger Theater wurde im Jahr 1807 von Joseph Michael (auch: Johann Markus) von Ehrenfels (1767, Niederösterreich – 1843, Untermeidling), dem Besitzer des Theresienbads, in dessen Räumlichkeiten eröffnet.

An der Stelle des Badehauses war bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts der „Niederhof an dem Bach“ gestanden, ehe diesen die Klosterfrauen „Zur Himmelpforte“ 1447 von Apollonia, der Gattin des damaligen Wiener Bürgers Hans Haug, gekauft hatten. Gebäude und Areal befanden sich einige Zeit auch in Besitz des Stiftes Klosterneuburg. 1693 kaufte Ferdinand Marchese von Obizzi, der damalige Kommandant der Wiener Stadtwache, den nunmehrigen „Himmelpfortner Hof“ und ließ ihn von Domenico Martinelli (1650–1719), dem Architekten des Stadt- und Gartenpalais Lichtenstein, zu einem Jagdschloss umbauen. Die Besitzverhältnisse änderten sich auch in den folgenden Jahren einige Male, ehe Kaiserin Maria Theresia das kleine Schloss 1764 erwarb, das zuerst zu einem Jagdschloss – Maria-Theresien-Schlössel – umgebaut wurde und kurze Zeit auch als Heimat der k. k. Wollzeugfabrik diente, die jedoch bereits 1766 nach Linz verlegt wurde. Nach der Entdeckung der dortigen Schwefelquelle ließen die nunmehrigen Eigentümer, die Familie Ehrenfels, in den Räumen des Schlosses ein öffentliches Heilbad errichten, das Theresienbad.
Im Rittersaal des Badehauses wurde in der Folge eine Art „Hausbühne“ errichtet, deren Zuschauerraum, der über zwei (andere Angaben sprechen sogar von drei) Galerien verfügte, um die 600 Personen fasste. Gespielt werden sollte anfangs nur sonntags und nur in geschlossenen Vorstellungen für die anwesenden Badegäste der Anstalt. Die Eröffnung des neuen privaten „Dilettantentheaters“ im Wiener Vorort Meidling fand am 22. Juli 1807 mit dem komischen Feenmärchen Der wilde Jäger von Valentin Weinhandel und mit der Musik von Hieronymus Payer (1787–1845), einem Musiklehrer in Meidling, der später zum Kapellmeister des Theaters an der Wien avancierte. Die Eröffnungsdirektion hatten die „Herrn Hörcher und Losert“, gegeben wurden noch zwei weitere Stücke über den Sommer hinweg, darunter auch eine Freilichtaufführung, an der mehrere Tausend Menschen teilnahmen, wie aus einem „Eipeldauer-Brief“ bekannt ist.
1808 zeigte Josef Kralitschek eine Reihe weiterer Stücke, und noch im selben Jahr wurde Adolf Bäuerle eingeladen, mit seiner Dilettantengruppe, an der auch drei Beamten teilnahmen, 16 Vorstellungen hier zu geben. 1810 gastierte mehrmals Ignaz Franz Castelli hier und spendete die Einnahmen der Aufführung u. a. an Arme in Meidling und die Überlebenden des schweren Brandes in Aspern im Zuge des Napoleonischen Krieges vor Wien. Auch in den folgenden Jahren gastierten hier vor allem Dilettantengruppen, ehe 1814 Josef Huber, seit 1812 Direktor des „Josefstädter Theaters“, die Erlaubnis erhielt, mit seinem Ensemble hier im Sommer zu gastieren. Die Truppe des Theaters in der Josefstadt, zu der damals auch Ferdinand Raimund gehörte, spielte hier auch in den folgenden beiden Sommerspielzeiten, doch mit der Eröffnung des „Hietzinger Theaters“ in der Trauttmansdorffgasse 18 (1130 Wien) am 4. September 1816, das, wie auch das Theater in der Josefstadt, von Josef Kornhäusel erbaut worden war und in dem von nun an Raimund als neuer Theaterstar gastierte, erwuchs eine derart große Konkurrenz, dass die damaligen Sommeraufführungen frühzeitig beendet werden mussten – zu viele Zuschauer:innen wollten in diesem Jahr lieber das neue Hietzinger Theater kennen lernen.
1818 gastierte hier Leopold Hoch – ab 1820 Leiter des „Leopold Hoch Theater“, danach des Theaters in Baden und 1934 für wenige Monate zudem gemeinsam mit seiner Frau Theresia auch Kurzzeitdirektor des Theaters in der Josefstadt – und gab hier mit seiner Truppe Franz Grillparzers Ahnfrau, deren Uraufführung im Jahr zuvor am Theater an der Wien stattgefunden hatte. Im folgenden Jahr war Moritz Rosental zu Gast und präsentierte hier u. a. mit einer Adaption von Shakespeares Othello in einer eigenen Wiener Vorstadt-Fassung. Nachdem die folgenden beiden Sommer nicht im Bad gespielt wurde, wollte es Hoch noch einmal versuchen; doch da parallel dazu auch am Hietzinger Theater im Jahresbetrieb gespielt wurde, wurde sein Ansuchen vonseiten der Wiener Theaterverwaltung abgelehnt.
1822 wurde das die damals überaus beliebte Bade- und Trink-Kuranstalt „Theresienbad“ von Grund auf erneuert und bedeutend vergrößert, wobei der Theaterbetrieb erhalten blieb. 1823 und noch einmal 1824 durfte hier der umtriebige Theaterimpresario Hoch doch im Sommer wieder
Theateraufführungen anbieten. In den folgenden Jahren gastierten hier Josef Bratsch (1825), Josef Reisinger (1826, 1827 und 1829) und schließlich Lajos von Hodor (1831), der hier unter seinem Künstlernamen „Louis Groll“ auftrat. Groll sollte das Meidlinger Theater auch in den folgenden Jahren prägen, das zuletzt eng mit seiner persönlichen Laufbahn verbunden war. Lajos – Ludwig – von Hodor wurde am 10. November 1803 in der Josefstadt 62, dem Haus „Zum englischen Gruß“ (heute: Lange Gasse 32), als Sohn eines Archivmitarbeiters der Siebenbürgischen Hofkanzlei geboren. Er hatte mit einem technischen Studium begonnen, brach dieses aber ab und begann 1827 seine Schauspielkarriere, ehe er sich 1831 mit einer Kaution, die ihm seine Tante mütterlicherseits vorstreckte, um das Meidlinger Theater bewarb. Goll sollte das Theater im Theresienbad schließlich von 1831 bis 1836, im Sommer 1842 und erneut von 1854 bis 1870 leiten; ab Oktober 1857 spielte er auch während des Winters. 1832–1833 und 1854–1855 leitete er das St. Pöltner Stadttheater und das Theater in Krems. Zu seinen Schauspieler:innen gehörten u. a. Antonie Mansfeld, die als „Therese Krones“ zu einer beliebten Lokalsängerin wurde, Josef Wagner, der als „Don Carlos“ debütierte), und mit Josef Matras einer der späteren Lieblinge des Wiener Publikums. Seine erste Direktion in Meidling begann er mit einem kleinen Ensemble von acht Personen (3 Herrn, 2 Damen) und war derart erfolgreich, dass bald schon ein Ganzjahresbetrieb angedacht wurde, der jedoch vorerst nicht zustande kam, sodass man bis 1837 nur im Sommer spielte, ehe Groll in diesem Jahr das beliebtere Hietzinger Theater übernahm – und erneut Hoch und von da an wieder eine Reihe unterschiedlicher Direktoren die Sommerbühne übernahmen: 1838 Karl Waidinger, 1839 wieder Hoch, der in diesem Jahr hier Nestroy und Scholz als kongeniales Paar auftreten ließ (die Musik lieferte zudem Adolf Müller), 1840 Karl Böhm, der hier eine „Ausstellung“ in Form einer „lebenden“ Theateraufführung bot, und 1841 Hermann Müller, der mit Die schlimmen Frauen im Serail und „13 Mädchen in geschmackvollen Amazonengarderobe“ gastierte. 1842 spielte erneut Grolls Ensemble, 1843 Anton Reichmann, 1844 Johann Krammer und dessen Wandertruppe, 1845 erneut Böhm, der in diesem Jahr auch in Hietzing gastierte.

In den folgenden Sommer wurde es still um das Theater im Meidlinger Kurbadtheater, ehe 1850 mit Franz Pokorny, seit 1836 Direktor des Badener Stadttheaters, seit Februar 1837 des Theaters in der Josefstadt, das er seit 1848 krankheitsbedingt verpachtete, und seit 1845 zudem des Theaters an der Wien, hier Benefizvorstellungen gab und hier unerwartet als Kurgast noch in diesem Sommer in der Kuranstalt verstarb.
In den folgenden drei Sommern gastierte ein Ensemble unter dem damals bekannten Theaterleiter Josef Siege (* 1790). Siege wollte zuerst mit einer aus Arbeiter:innen zusammengestellten Truppe spielen, was ihm jedoch mit dem Hinweis, er müsse eine „vollständige Schauspielergesellschaft engagieren“, untersagt wurde. 1855 spielte man aufgrund der enormen Konkurrenz durch das – ebenfalls von Franz Pokorny ins Leben gerufene – 1849 im Park der Freiin Henriette Pereira-Arnstein eröffnete „Braunhirschen Theater“ auf dem Henriettenplatz 15 nicht. Von 1856 bis 1870 kehrte noch einmal Groll nach Meidling zurück, um hier seine letzten aktiven Berufsjahre mit einer Reihe sehr unterschiedlich aufgenommener Sommeraufführungen zu verbringen: Gespielt wurde Goethes Faust als „fantastisches Gemälde“ ebenso wie Ritterstücke, Schauerkomödien und die „schnödeste Theaterhetz“ (Anton Bettelheim). „Eine Reihe späterhin vielgenannter Berufsschauspieler hatten in Meidling gehen und stehen gelernt (Joseph Wagner, Albin Swoboda, Ada Christen). Auch Ludwig Anzengruber betrat hier zum ersten Mal eine Bühne. Gage wurden selten bezahlt, selbst Kostüm und Perücke mussten bereitgestellt werden. ,Das Kästchen‘ in Faust war eine Zigarettenschachtel mit dem Vermerk ,100 Stück Cuba zu vier Kreuzer', Faust las die Zauberformel aus dem Krakauer Kalender. Blieb ein junger Schauspieler stecken, ertönte (auch bei sonnigem Himmel) die Donnermaschine“, beschreibt der Meidlinger Stadthistoriker und Autor August Eigner (1884–1950) die Art Theater, die Goll, der oft selbst in Ritterrüstung vor das Publikum trat, in diesen Jahren hier anbot. (Das Meidlinger Theater. In: Amtsblatt der Stadt Wien Nr. 28, 06.04.1949, S. 4.)

Grolls letzte Vorstellung fand in Anwesenheit zahlreicher Menschen, die sich von dem beliebten Impresario persönlich verabschieden wollten, am 3. April 1870 statt. Gegeben wurde Runa, die Hexe von Augsburg, und Attila, der König der Hunnen. Nur drei Wochen später wurden die Räume als Theaterschule neu vorgestellt. Geleitet wurde diese in den folgenden vier Jahren vom Schauspieler und Regisseur Julius Conradi (1805–1889), der zuvor bereits im Pasqualatitheater im Palais Schönborn eine Theaterschule geleitet hatte, und seinem Schauspielkollegen Wenzel Ernst; doch es wurde hier nicht nur gelehrt, sondern auch versucht, die professionell ausgebildeten Nachwuchsdarsteller:innen in öffentlichen Vorstellungen zu präsentieren, so gleich zu Beginn am 22. Mai 1870 im Lustspiel Die zärtlichen Verwandten von Roderich Benedix. Doch das Konzept, Schule und Theater zu verbinden, wurde vom Publikum nicht in dem Maß positiv aufgenommen, wie es zuvor die künstlerisch weit weniger avancierten Aufführungen Grolls es getan hatten, sodass die beiden Lehrer ihr avanciertes Konzept bereits nach drei Jahren wieder aufgeben mussten. Conradi legte die Schulkonzession für diesen Standort zurück, während Ernst noch einige Monate länger versuchte, den Theaterbetrieb zu halten. Die letzte Vorstellung fand am 15. Februar 1874 statt. Danach standen die Theaterräume leer, ehe sie 1884 niedergerissen wurden.
Conradi setzte seine Arbeit als Lehrer noch einige Jahre fort; von 1874 bis 1877 leitete er die „Wiener Eleven-Theater“ in der Neubauer Burggasse 33, danach gab er nur noch Privatstunden in seiner Wohnung. Groll, der das Theater am längsten geführt hatte, starb am 19. März 1888 in der Rustengasse 1 in Rudolfsheim. 1893 wurde vom Wiener Bienenzüchterverein ein Gedenkstein für den Gründer des Bades und Theaters gestiftet, der sich heute im Theresienbadpark befindet.

Die Liegenschaft selbst wurde 1881 von der Gemeinde Untermeidling gekauft und ging 1892 im Zuge der Eingemeindung der Vororte in den Besitz der Stadt Wien über. 1902 wurde das alte Badhaus abgetragen und ein neues, nunmehr mit Wasser aus der ersten Hochquellenleitung gespeistes Bad eröffnet, 1910 wurde eine neue Badeanstalt mit Dampfbad und Wannenbädern errichtet. Bei den Umbauarbeiten fand man im Keller Relikte des mittelalterlichen Kerkers, darunter Ketten, Ringe und eine Öffnung, durch die die Gefangenen einst in die Tiefe herabgelassen wurden.
Sowohl das angeschlossene Sommerschwimmbad wie auch das Hauptgebäude wurden zu Ende des Zweiten Weltkriegs bei einem Fliegerangriff zerstört; doch schon am 20. Mai 1945 wurde das Theresienbad provisorisch wieder geöffnet; 1952 folgte ein von Theodor Schöll geleiteter Wiederaufbau des Warmbads (Eröffnung 1955) und des Sommerbads (Eröffnung 1956); 1965 wurde die vergrößerte Schwimmhalle eröffnet. An das einstige Theater erinnert heute nichts mehr.

Quellen und Links
www.geschichtewiki.wien.gv.at/Theresienbad
www.geschichtewiki.wien.gv.at/Meidlinger_Theater
August Eigner: Das Meidlinger Theater. In: Amtsblatt der Stadt Wien Nr. 28, 06.04.1949, S. 4.
Angela Heide: Das Theater in der Josefstadt. Broschüre. Wien 1996.

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