| < zurück © KinTheTop/Angela Heide zuletzt aktualisiert: 13.11.2021 Zitierweise: http://www.kinthetop.at/forschung/kinthetop_19_DöblingerKino.html, zuletzt eingesehen [Tag.Monat.Jahr] Das Dekret A. B. 223/60h von 26. September 1913 bewilligte die von Josef Schönberger angesuchte Kinolizenz für den Standort Billrothstraße 31. Das neue „Erste Döblinger Kino“ wurde kurz darauf eröffnet, doch bereits einige Monate später suchte Schönberger um den Transfer seiner Lizenz an einen neuen Standort fünf Häuser weiter an. Nach einem ersten Lokalaugenschein des Magistrats, genehmigte am 21. Dezember 1914 die Bezirksvorstehung das neue Kino, da es sich um eine „Lizenztransferierung“ von der Billrothstraße 31 auf die Billrothstraße 21 handelte und somit kein neues weiteres Kino im Bezirk gegründet wurde. Das Kino hatte im Gründungsjahr knapp 200 Sitze, von denen 183 Klappsitze waren. Der Kinosaal war ein zeittypisch länglicher Raum mit 22 Sitzreihen zu je acht Stühlen, in den vorderen Bereichen gab es einen Mittelgang, die hinteren konnten seitlich erreicht werden; an die letzten Sitzreihen angeschlossen wurden später 14 abgetrennte Logensitze in einem eigenen Logenbereich; die Nebenräume befanden sich alle seitlich des Kinosaals, der über mehrere straßenseitige Ausgänge verfügte. Die am 23. Dezember des Jahres durchgeführte Kollaudierung ergab auch in baulicher Hinsicht einen positiven Bescheid für das neue Kinoprojekt. Apparatenraum und Zuschauerraum waren vollständig voneinander getrennt, für elektrische Beleuchtung in allen Räumen war gesorgt, und es bestanden getrennte Aborte. Die Bestuhlung des neuen Kinos wurde mit 197 fixiert. Stehplätze wurden keine vorgesehen. Ab Oktober 1915 findet sich als neue Kinobetreiberin die Wienerin Marie Aigner (Jg. 1888), die das Kino ankaufte und auch mit Bewilligung von 15. Oktober des Magistrats Wien die Lizenz übernehmen durfte. Bereits kurz nach der Übernahme des Betriebs ließ Aigner in ihr Kino Logen einbauen, um die Attraktivität ihres Betriebs zu erhöhen. Durch ihre Heirat 1918 wurde aus Aigner Marie Winterhalder. Wohnhaft war diese vorerst in der Peter-Jordan-Straße 21, scheint jedoch dann in das Kinogebäude gezogen zu sein. 1921 änderte diese den Namen vermutlich durch eine neuerliche Heirat auf Marie Hartl. 1925 suchte auch der Landesverband Wien der Kriegsinvaliden und Kriegshinterbliebenen Österreichs, Ortsgruppe XIX, um die Lizenz an, doch in diesem Falle lehnte das Magistrat das Ansuchen ab, da der bisherigen Lizenznehmerin diese bereits bis zum 31. März 1927 weiterverliehen worden war. Auch in den kommenden Jahren kam es immer wieder zu sicherheitstechnischen Verbesserungen des kleinen Kinos, etwa zur Fixierung der gesamten Bestuhlung und zur Errichtung eines Asbestvorhangs. Hartl blieb auch nach Inkrafttreten des Wiener Kinogesetzes von 1926 Konzessionärin des Kinos, das sich in den Schreiben Hartls „Erstes Döblinger Kino“ nannte. Wie aus einem farbigen Plan dieser Zeit hervorgeht, lebte das Ehepaar Hartl direkt neben dem Kino in einer Dreizimmerwohnung, zu der auch ein eigenes Dienstbotenzimmer gehörte, der Eingang zu Kino wie Wohnung fand sich in der Biedergasse, die Kinoausgänge zur Billrothstraße hin. Marie Hartl blieb bis 31. Dezember 1928 Konzessionärin. Sie führte immer wieder Filme aus den USA ein, ohne dies bei den Behörden zu melden, so gab es u. a. Beanstandungen im Bereich der Filmkontingentierung für die gezeigten Filme Der Erbe von Castletoon oder der Boxtrainer (Metro Pictures) und Ein stiller Mieter, Chester (3.11.1926) oder Prinzessin Trulala (19.1.1927), sodass Hartl hier mehrmalige Ermahnungen bekam. Anfang 1928 entschloss sich Hartl, das Kino an „Fräulein Hermine Stock, Private in Wien, XIX. Hardtgasse 28“ zu übergeben. Hermine Stock (Jg. 1885) kaufte das im Parterre des Hauses gelegene „Kinolichtspieltheater“ am 19. März 1928. In ihrem „Bedingten Konzessionsrücklegungsgesuch“ von 27. März 1928 argumentierte Hartl, dass sie den Schritt aus gesundheitlichen Gründen tun müsse, da sie schwer krank sei und zudem einen großen Haushalt führen müsse. Der beigelegte Kaufvertrag gibt einen guten Einblick in das damalige Inventar des Kinos, das Stock für 52.000 Schilling ankaufte. (Ein Schreiben der Union der Bühnen- und Kino-Personale Österreichs von 14. Juni 1928 nennt einen Kaufpreis von „ca. 60.000 bar“.) Wie aus einem Schreiben der Inhaber der beiden anderen Döblinger Kinos, Universum (Steveringerstraße 3) und Ideal Kino (Döblinger Hauptstraße 74), von 11. April 1928 deutlich wird, bestand zu diesem Zeitpunkt belegbare Angst, dass Stock ihrerseits die Konzession an einen nahegelegenen neuen Standort transferieren wolle, um ein Großkino zu errichten, gegen das sich die anderen Kinos massiv zur Wehr setzen wollten. Stock wie vor allem ihre Mutter hatten, so die beiden Verfasser , bereits einige Erfahrung in der Führung von Großkinos. „Fräulein Hermine Stock ist auf dem Gebiete des Kinowesens keine neue Erscheinung.“ Sie hatte bereits die Mozart Lichtspiele in der Jörgerstraße (1170) geleitet, war mittels Lizenztransfer von dort in die Schubertgasse 5 (1090) gezogen, wo sie das neue Union Kino errichtete, und war zudem 1926-1927 Teilhaberin des Wilhelm Kinos in der Wilhelmstraße (1120) sowie, neben Charlotte Fischmann, Miteigentümerin des Lehner Kinos in der Mariahilfer Straße 196 (1150). Stocks Mutter, Marie Sonnecker, war ihrerseits Besitzerin des Kierlinger Kinos, wohnte jedoch in der Billrothstraße 20, also gegenüber des 1. Döblinger Kinos, und besaß an der Ecke Billrothstraße und Hartgasse eine „Realität, welche nach Auffassung des Fräulein Hermine Stock für die Errichtung eines Großkinos alle hierzu geeigneten Eigenschaften besitzt.“ Demnach besaß Stock, die immer auch an den Kinos ihrer Mutter mit beteiligt war, „unseres Wissens nach also bereits das sechste Kinounternehmen […] ganz bzw. teilweise“. (Gemeint waren hier Mozart Kino, Union Kino, Wilhelm Kino, Kierlinger Kino, 1. Döblinger Kino – sowie das zu diesem Zeitpunkt wohl nicht mehr in ihrem Teilbesitz befindliche Lehner Kino.) Die beiden Konkurrenten blieben in ihrem Ansuchen vorsichtig, da sie sich offiziell nicht gegen den Plan eines neuen Kinos stellen konnten, wiesen aber eindringlich darauf hin, wie gefährlich für den Bezirk ein Großkino wäre, und baten den Magistrat, „bei Behandlung der gegenständlichen Konzessionssache den Schutz von und Kinobesitzern nicht aus den Augen zu verlieren […].“ Das gleiche Schreiben wurde parallel auch von den Eignern des Wiener Bioskop in der Nussdorfer Straße 64, Fuchshorn & Polsterer, vorgelegt. Der Verband der Klein- und Mittelkinos stellte seinerseits fest, dass, sofern keine Vergrößerung des Kinos vorgesehen wäre, kein Einspruch gegen die Übernahme durch die erfahrene Kinobetreiberin einzuwenden wäre. Anders lag es hingegen bei der Union des Bühnen- und Kinopersonals Österreichs, die sich deutlich dagegen aussprachen, Stock ein weiteres Kino zu übertragen, da diese seit Langen immer wieder in Konflikt mit ihren Mitarbeiter*innen stand. Es ist richtig, dass Frl. Hermine Stock bereits mehrmals im Besitze bzw. Teilhaberin mehrerer Wiener Kinos war (Mozart Lichtspiele, Unionkino, Döblingerkino), es ist aber ebenso richtig, dass Frl. Stock in allen diesen Betrieben weitgehende Differenzen mit ihrem Personal hatte, Differenzen, die immer ihre Ursache fanden in der Weigerung, eingegangene Vertragsverpflichtungen zu erfüllen. Frl. Stock wechselte ihr Personal fast unausgesetzt in der Absicht, sich auf diese Weise willfähriges zum Lohndruck geneigtes Personal zu sichern. Frl. Stock ist in den Angestelltenkreisen der Kinogruppe bereits so gefürchtet, dass selbst in bitterster Not befindliche Arbeitslose sich weigern, bei Frl. Stock Arbeit zu nehmen. Deutlich ließ die Union auch verlautbaren, dass Stock selbst den beiden Gewerkschaftssekretären Hamberger und Gruber mitgeteilt hatte, „dass sie dieses Kino nur gekauft habe, um im gegebenen Falle die Konzession auf ein neu zu errichtendes Großkino transferieren zu lassen.“ (Der Hinweis am Ende des Schreibens von 14. Juni 1928, dass der Bund und der Verband das Ansuchen abgelehnt hätten, entspricht hingegen nicht den Tatsachen, wie die Schreiben der beiden Interessenvertretungen, die dem Aktenkonvolut beiliegen, deutlich machen.) In einem Gegenschreiben von Stock argumentierte diese ihre Konflikte mit der Union und erklärte, das Kino „derzeit“ noch nicht vergrößern zu wollen. Trotz der umfangreichen und heftigen Gegenstimmen erhielt Stock die Konzession und vergrößerte den Betrieb tatsächlich nicht. Bereits 1929 kam es zu neuen gerichtlichen Streitigkeiten mit Mitarbeitern, da Stock Gehälter nicht bezahlte, aber auch zu Konflikten mit der Behörde, da Stock notwendige Unterlagen immer wieder aufschob oder verweigerte. 1930 führte Hermine Stock eine Tonanlage ein. Im Februar 1933 wurde bei einer Sondervorstellungen der Film Das neue Italien gezeigt; am 29. März 1933 brachte Stock die Filme Wolkenstürmer, Das braune Heer im weißen Feld über die „SA-Schimeisterschaft in Schladming“ und Der Führer in Chemnitz, im Mai wurde auch hier der von Live-Spielszenen im Saal begleitete Film Im braunen Rössel zu Blunzendorf gezeigt, die Filmstunde brachte den Film Die gute Hausfrau (der in mehreren weiteren Kinos gezeigt wurde, unter anderem 5., Atlantiskino; 6., Schäffer-Kino; 12., Meidlinger Biograph; 13., Tivolikino; 18., Iriskino). 1934 wurde unter anderem der Publikumserfolg Die kleine Trafik an vier Vorstellungen an einem Tag gezeigt. In einer Werbeeinschaltung ist das Kino 1935 als eines der wichtigsten Döblinger Kinos ausgewiesen. Bereits in diesem Jahr wurde beim Wiener Magistrat eine Anzeige zweier anderer Kinobetreiber gegen Hermine Stock wegen „NS-Betätigung“ eingebracht. 1936 wurde das Erste Döblinger Kino aufgelassen. Hermine Stock übersiedelte mit ihrer Konzession in das Haus Billrothstraße 22/Hardtgasse 1–3, das ihrer Mutter Marie Sonnecker gehörte und das 1935/1936 mit Förderung des Wiener Assanierungsfonds neu errichtet worden war, und führte das neue Kino am neuen Standort unter ihrer bestehenden Konzession ab 1937 als „Roxy Kino“ weiter. Fassungsraum 197 (1914) 207 (1922) 199 (1934) Quellen Wiener Stadt- und Landesarchiv, M.Abt. 104, A11: 19. Döblinger Kino Wiener Stadt- und Landesarchiv, M.Abt. 471, A3/1: 19. Billrothstraße 21 Döblinger-Kino Wiener Stadt- und Landesarchiv, Fachverband der Lichtspieltheater, A1: 184 - Roxy-Lichtspiele Literatur Werner Michael Schwarz: Kino und Kinos in Wien. Eine Entwicklungsgeschichte bis 1934. Wien: Turia & Kant 1992, S. 286f. Klaus Christian Vögel: Angeschlossen und gleichgeschaltet. Kino in Österreich 1938-1945. Wien: Böhlau 2018, S. 191f. < zurück |