| < zurück © KinTheTop/Angela Heide zuletzt aktualisiert: 08.04.2026 Zitierweise: http://www.kinthetop.at/forschung/kinthetop_19_IdealKino.html, zuletzt eingesehen [Tag.Monat.Jahr] Das Ideal Kino wurde 1913 von Rosa und Leopold Mößlinger – das Ehepaar selbst wohnte in der Neubaugasse 45 – als zeittypisches Eckschlauchkino gegründet und wurde in den ersten Jahren seines Bestehens vorwiegend unter dem Namen „Kaiser Kino Döbling“ (kurz „Kaiser Kino“) geführt. Konzessionärin des Betriebs war jedoch nicht das Ehepaar selbst, sondern der wie dieses in Wien-Neubau (Kaiserstraße 92) beheimatete Verein zur Erhaltung des Obdachlosenheims für Frauen und Kinder, als ersten tagesbetrieblichen Geschäftsführer setzte man Hans Berger ein. Das Kino war ein klassisches Wiener Kino der Frühzeit: Der langgezogene Kinosaal war an seiner breiteren Vorderseite, 9,47 Meter breit und wurde nach hinten hin immer schmäler, bis er in einem etwas zurückversetzten Eck mit zwei über kleine Stufen erreichbare Logen zu je 5 Sitzen endete. Das Kino hatte 23 Sitzreihen, gefolgt von vier, ebenfalls über Stufen erreichbare Logen mit je 4 Sitzen. Der Saal hatte links von der Leinwand zwei Türen, eine weitere Tür befand sich rechts neben den hintersten, schmäleren Sitzreihen und führte vermutlich in den Vorführraum. 1919 wurde Berger von Friedrich Hauswirth als Geschäftsführer abgelöst. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Monarchie nannten die Betreiber:innen das von ihm gemietete Kino selbstbewusst in „Ideal Kino“ um. 1922 entstand der Plan, das Kino im Sommer als Freiluftkino zu führen. Die Pläne für die Umgestaltung wurden am 24. Mai 1922 von der Firma Wenzl Hartl im Auftrag von Friedrich Hauswirth dem Wiener Magistrat vorgelegt. Nach Bewilligung des Ansuchens wurde in den folgenden Sommern bei „günstiger Witterung im Freien“ gespielt. Für die Verköstigung des Publikums wurde eine Kooperation mit dem daneben liegenden Etablissement Zögernitz vereinbart, das neben einem weiteren großen Veranstaltungssaal auch über einen Restaurant-Garten und ein eigenes, kleines daneben liegendes Café verfügte, wobei für die Kinovorstellungen der Gartentrakt vollständig genutzt wurde. Die erhaltenen Pläne zeigen ein großes Kino, das sich vom Gemüsegarte bzw. vom Gastgarten des Lokals bis hin zur Döblinger Hauptstraße zog. Ein zeltartiges Entrée an der belebten Hauptstraße dieses Vorortes verwies darauf, dass man sich hier vor dem „ersten Döblinger Freiluft-Theater“ befand. Im Freiluftkino präsentierte man die Filme mittels eine Hinterwandprojektion und einer fahrbaren Kabine, die am Ende der Gaststube des Lokals platziert wurde. Das der Versuch eines Sommerkinos gut angenommen wurde, richtete Hauswirth einen eigenen festen Projektionsraum im Kasino ein. 1926 übertrug der Verein für Fürsorge für Obdachlose, arme und Kranke (Fürsorgehaus Neubau) die Konzession an den Besitzer des Kinos, Leopold Mößlinger, der es in der Folge auch selbst als Geschäftsführer tagesbetrieblich leitete. 1928 ließ Mößlinger den Operationsraum von Stadtbaumeister Josef Anderl umgestalten: Eine zweite Vorführmaschine fand hier von nun an ebenso Platz wie ein neuer, automatischer Filmumwickler, System „Phönix“. Im selben Jahr bat Mößlinger anlässlich der Aufführungen des Filmes Einsiedler von Sanssouci in 13 Akten, das Kino bis 23:15 Uhr offen halten zu dürfen. 1930 wurde auch für den Lichtbildvortrag Mit der Alpinistengilde im roten Kaukasus um eine Verlängerung der Sperrstunde angesucht. 1930 wurde Leopold Mößlinger angezeigt, da ein im Kino „engagierter“ Affe eine Besucherin gebissen hatte. Über die Verhandlungen in dem ungewöhnlichen Kinovorfall hieß es im Neuen Wiener Tagblatt von 11. Mai 1930 (S. 14): (Mungo beißt.) Eines Tages kam die Köchin Christine K. an dem Idealkind in Döbling vorbei, wo zwei Affen auf einem Gestell beim Kindereingang herumturnten. Als die Spaziergängerin eine Bewegung mit der Schulter machte, haben das die Affen missverstanden, Mungo fühlte sich gereizt, sprang auf Christine zu und biss sie in den linken Unterarm. Christine war durch längere Zeit in ambulatorischer Behandlung im Rudolfinerhaus. Sie klagte nun, da sie auch den Dienstposten deswegen aufgeben mußte, den Kinobesitzer Leopold Mößlinger durch Dr. Rudolf Stein wegen 1.000 S Schmerzengeld und 695 S Verdienstentgang. Die Klage wurde damit begründet, daß sich der Kinobesitzer doch eines zu gefährlichen Werbemittels bedient habe. Mittlerweile ist Mungo untersucht und vom Tierarzneiinstitut als ein gutmütiges Tier bezeichnet worden. Frau Marie Mallinitz, die die Aufsicht über die Affen hatte, ist mittlerweile vom Strafgericht wegen Gefährdung der körperlichen Sicherheit zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Der geklagte Kinobesitzer brachte durch Dr. Adolf Göbl folgendes vor: Als in dem Idealkind der Film Von Wien nach Ostafrika vorgeführt wurde, riet ihm Herr Franz Mallinitz, der die Schaustellung von Tieren gewerbsmäßig betreibt, er möge, wie dies schon in anderen Lichtspieltheatern der Fall gewesen ist, durch lebende Affen die Aufmerksamkeit des Publikums auf diesen Film lenken. Für die Schaustellung der Affen ist der Kinobesitzer daher gar nicht verantwortlich. Im Übrigen halten sich die Tiere auf einem erhöhten Gestell auf, und der Affe ist offenbar nur erschrocken und nach der Bewegung, die Christine machte, auf sie losgefahren. Deswegen ist der Besitzer nicht haftbar. Auch ist die Verschlimmerung Christinens darauf zurückzuführen, daß sie sich auf Rat der Frau Mallinitz rohen Speck auf die Wunde legte. Frau Mallinitz bezeichnete in der gestrigen Verhandlung Mungo als ein sehr harmloses Tier. Jedesmal, wenn sie Mungo von seinem erhöhten Sitz herunterholte, habe sie auch die Besucher immer gebeten, zurückzutreten; die Klägerin aber habe sich offenbar nicht daran gehalten. Dies bestreitet Christine. Zur Einvernahme weiterer Zeugen des Vorfalles vertagte Oberlandesgerichtsrat Dr. Doskocil die Verhandlung. Anfang Jänner 1931 führte das Ehepaar Mößlinger auch in diesem kleinen Vorstadtkino den Tonfilm ein und eröffnete nach der Kollaudierung durch den Wiener Magistrat noch am selben Tag, dem 16. Jänner, mit dem neuen Tonfilmangebot des beliebten Kinos – gespielt wurde der Operettenfilm Das Land des Lächelns in der Regie Max Reichmanns und mit dem damaligen Star-Tenor Richard Tauber. Endes des Jahres wurde der Wartesaal vergrößert. Erneut beauftragte Mößlinger dafür den Favoritener Stadtbaumeister Josef Anderl, der zur Vergrößerung des Kinos zwei Mauern entfernte. Zu Silvester dieses Jahres wurde hier eine Vorstellung des Bühnenstücks Lang ist’s her angeboten. 1932 wurde als besonderes Kennzeichen des Ideal Kinos ein Wetterdach errichtet, das vor allem für Reklamezwecke diente - so wurde dort etwa der Name des Kinos in 40 cm großen Buchstaben angebracht. Im Dezember dieses Jahres brachte Mößlinger eine Filmvorführung des Vereins „Die gute Hausfrau“ bei freiem Eintritt; wenige Tage später zeigte die Bezirkssektion der sozialdemokratischen Partei in zwei Vorstellungen den Film Niemandsland. Im Jänner 1933 wurde im Ideal Kino der Film Palästina – das Land ohne Arbeitslosigkeit der zionistischen Sektion Döbling vorgestellt, begleitet von einem Vortrag von Dr. E. M. Zweig Jerusalem. Bereits 1933 bat Mößlinger jedoch auch schon um die Bewilligung, den Film Wolkenstürmer der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei am 12. März als Vormittagsfilm zeigen zu dürfen. Geschäftsführer war zu diesem Zeitpunkt Wilhelm Jäger. 1934 zog das Ehepaar Mößlinger in die Döblinger Hauptstraße 72/2/8 um, um näher am eigenen Kinobetrieb zu sein. Im selben Jahr brachte man eine Jugendvorstellung der Neu-Rosenegg-Puppenspiele heraus sowie eine Filmvorführung von König der Blitzer für die Arbeiterjugend des Bezirks. Im Februar 1934 wurde eine Nachtvorstellung von Sibi bis halb zwei in der Nacht vorgestellt, im März vermietete man den Saal für eine Vorstellung an den christlich-deutschen Turnverein, der Das Gauturnfest 1932 im Wiener Stadium und Das Heeressportfest 1932 am Trabrennplatz zeigte. Im April waren der russische Musiker Dimitrii Turowroff – „genannt das Balalaika-Wunder“ – und „der Meisterpianist Sascha Suchotin“ für ein Konzert zu Gast, um den Film Das lachende Glück mit einer Sondereinlage zu begleiten. Im Oktober 1934 zeigte man hier G’schichten aus dem Wienerwald sowie einen „Lichtbildvortrag über Batavia (Java)“. Bald darauf wurde hier auch der „deutsche Kulturfilm Deutschland (von der Volkslesehalle)“ präsentiert. Mößlinger, der zu diesem Zeitpunkt zu den langgedienten Wiener Kinobetreibern zählte und im Vorstand des Bundes der Kinobetreiber saß, publizierte im Wiener Kino Journal von 8. September 1934 den Apell Gegen die Vermehrung der Wiener Konzession (S. 6), in dem er sich explizit gegen weitere Kinoneueröffnungen in Wien aussprach. Darin betonte er: „In dieser wirklich schweren Zeit, wo jeder selbständige Unternehmer unserer Branche hart um die Erhaltung seiner bescheidenen Existenz kämpfen muß, ist es durch nichts gerechtfertigt, wenn man unsere Betriebe durch neue Konkurrenz dem wirtschaftlichen und geschäftlichen Ruin preisgeben will.“ Und schloss: „Der Zweck dieser Zeilen ist, im Geiste und Sinne der um ihre Existenz bedrohten Kollegenschaft gerichtet, es ist ein ernster Appell an den Magistrat, verbunden mit der Bitte, der wirtschaftlichen Not der Zeit Rechnung zu tragen und zumindest im gegenwärtigen Zeitpunkt jedwede Sitzplatzvermehrung schon mit Rücksicht auf die allgemeine Gewerbesperre hintanhalten zu wollen.“ NS-Zeit Die „Ideal Lichtspiele“ blieben auch während der NS-Zeit im Eigentum des Ehepaares Leopold und Rosa Mößlinger. Mit 26. Juli 1938 wurde der Besitz jedoch gedrittelt; als weitere Besitzerin trat zu 1/3 Dr. Luise Reinhold hinzu. Der neue Name der Eigentümer:innen – einer offenen Handelsgesellschaft – lautete nun „Ideal-Lichtspiele – Mösslinger & Co.“. Das Ehepaar, das sich bereits vor dem „Anschluss“ um ein Naheverhältnis zur NSDAP bemühte, suchte um Aufnahme in die Reichsfilmkammer auf, der Eintritt in die NSDAP, den Leopold und Rosa Mößlinger bereits im Oktober 1938 beantragte, erfolgte jedoch erst um Jahr 1942. Nachkriegszeit und öffentliche Verwaltung Aufgrund der Zugehörigkeit zwei der drei Eigentümer:innen zur NSDAP wurde das Kino sofort nach Kriegsende unter öffentliche Verwaltung gestellt: Ab der Wiedereröffnung am 17. August 1945 war dies zuerst vonseiten des Bundes der österreichischen Lichtspieltheater die ehemalige Aktivistin der Widerstandsbewegung Käthe Binder und ab 20. September 1945 Wiens öffentlicher Verwalter, Dr. Alfred Migsch; Geschäftsführerin blieb mit Luise Reinhold jedoch eine der drei Eigentümer:innen. Migsch wies in seinen Unterlagen darauf hin, dass das Kino zu 2/3 im Eigentum von Nationalsozialisten stand, die daher „im Sinne des Veranstaltungsbetriebsgesetzes vom 27.7.1945 zur Führung eines Kinobetriebes nicht geeignet sind“, während Reinhold, die kein Mitglied der NSDAP gewesen war, in ihrem Beruf bleiben konnte. Dennoch erhielten Leopold und Rosa Mösslinger monatlich 500 Schilling aus dem Betrieb an Bezügen. Die Wiedereröffnung des wenig beschädigten Kinos fand am 24. August 1945 statt, man zeigte einen Vorkriegsschlager von Willi Forst: Serenade (D 1937) mit Hilde Krahl in ihrer damals ersten Hauptrolle. Rückgabe und Weiterführung durch die Gründer:innen Am 24. Juli 1947 wurde Migschs öffentliche Verwaltung mit der Begründung aufgehoben, dass Reinhold als „politisch unbelastet“ eingestuft worden sei und daher bereits zum Zeitpunkt des Verwaltergesetzes vom 26.7.1946 für eine öffentliche Verwaltung keine Grundlagen mehr gegeben gewesen seien. Mit diesem Schritt wurde das Kino an alle drei zu diesem Zeitpunkt noch lebende Inhaber:innen zurückgegeben – ungeachtet der NSDAP-Zugehörig des Ehepaars Mößlinger. Weitere Anträge Leopold Mößlingers von 1949 (Antrag als stellvertretender Geschäftsführer) und 1957 (Konzessionsantrag) wurden jedoch vom Wiener Magistrat abgelehnt. Umbau, Neubau, Versuch des Erhalt des Kinos 1956 erhielt das Ideal eine zeittypische neue Ausstattung: Breitwand, VistaVision und eine moderne Licht-Ton-Anlage. 1965, mitten in den ersten Jahren des sog. „Wiener Kinosterbens“ übernahm die TV-Studio Film- und Produktionsgesellschaft sowohl die Pacht wie die Konzession und ließ mit CinemaScope erneut eine moderne Anlage einbauen. Auch die Bestuhlung wurde modernisiert und bot nun für 246 Personen bequeme fußfreie Sitzplätze mit hervorragender Bild- und Tonqualität. Die Programmierung bemühte sich ebenfalls um eine Attraktivierung des Kinos, doch gerade für Vorstadtkinos wie das Ideal Kino konnte die prekäre Situation kaum noch aufgehalten werden. Nach nur vier Jahren gab der Pächter auf, und mit der Interstar-GmbH trat eine neue Pächterin in Erscheinung. Der neue Geschäftsführer hieß Alfred Martetschläger und bemühte sich redlich, das Kino noch einmal vor der Schließung um Umwandlung in einen Supermarkt zu bewahren. Erste Schließlung 1970 und das Ende der Döblinger Kinos 1981 1970 musste es dennoch geschlossen werden. Es folgte ein weiterer mehrmonatiger Umbau, wiedereröffnet wurde schließlich am 15. Jänner 1971 als Bezirkserstaufführungskino. Die neue Geschäftsführerin hieß Rosa Winkler und führte den Betrieb schließlich bis zum finalen Ende. Ab 1978 verantwortete Herbert Holba die Programmierung. Holba leitete seit 1976 bereits das ehemalige „Neubauer Kino“ auf der Lerchenfelder Straße 75, das er zeittypisch in „Action Kino“ umbenannte und hier eine moderne Spielplangestaltung anbot, die zwischen qualitätvollen Filmen und einem für ein breiteres lokales Publikum anregendes Repertoire changierte. Man zeigte hier – im nunmehrigen Döblinger „Action 2“ – avancierte „Arthouse“-Filme ebenso wie Kinder- und Jugendprogramme, so etwa gleich zu Beginn Elliot, das Schmunzelmonster (USA 1977) oder 1980 Ein toller Käfer. Mit einem weiteren Walt-Disney-Film – Cinderella (USA 1950) schloss auch dieses Kino – als letztes Döblinger Kino – schließlich auch am 22. März 1981 für immer. Heute findet sich hier eine Filiale der Supermarktkette „Billa“. Quellen Wiener Stadt- und Landesarchiv, M.Abt. 104, A11 – Kino, einzelne: 19., Ideal Kino Wiener Stadt- und Landesarchiv, M.Abt. 119, A27/3 – K34-K44 (K41) Ideal Lichtspieltheater (2 Mappen) < zurück |