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© KinTheTop/Angela Heide zuletzt aktualisiert: 13.11.2021 Zitierweise: http://www.kinthetop.at/forschung/kinthetop_19_UniversumKino.html, zuletzt eingesehen [Tag.Monat.Jahr]


Gründer und Leiter des 1912 eröffneten Kinos war der 1869 in Wien geborene Johann Türr, der das Kino auf der von ihm und seiner Frau Franziska besessenen Oberdöblinger Liegenschaft G.E. Zl. 207 (Grundbuch Oberdöbling) errichten ließ.
Das einstöckige Gebäude wurde dabei ausschließlich als Kino genutzt. Über den Eingang Sieveringer Straße kam man auf eine „Terrasse“, von der aus es zur Kassa, dahinter in den Warteraum und über zwei Eingänge in den rechteckigen Zuschauerraum, der Mitte der 1920er-Jahre 24 Zuschauerreihen aufwies. Die Bildfläche mit vorgelagertem „Orchester“ befand sich straßenseitig, an der Hinterwand waren das „Pissoir“ sowie eine daran anschließende „Kammer“ eingerichtet. Die beidseitigen Ausgänge führten zu Fluren, von denen aus man links wie rechts neben dem Warteraum wieder auf die Sieveringer Straße gelangte.

1920 erweiterte Türr den Fassungsraum seines Kinos auf knapp 400 Sitzplätze.
Türr behielt die Kinokonzession auch über das Jahr 1926 hinaus.
1929 reichte er erneut für einen Umbau des Kinos ein und ließ im ehemaligen Abortanbau im Hof des Kinogebäudes einen Filmwickelraum errichten. Die Umbauten ergaben zudem, dass die gesamte ehemalige Holzdeckenkonstruktion über den Logensitzen, dem Operationsraum wie auch „unter den Projektionsapparaten angefault“ war und so zur Gänze ausgetauscht werden musste, sodass für den Frühling 1929 zuerst eine mehrwöchige Umbausperre des Kinos geplant war, die sich jedoch verzögert und schließlich in ein größeres Umbauvorhaben im Sommer mündete.
Erst im August des Jahres wurde der Bildwerferraum schließlich vergrößert. „Hienach soll die rückwärtige Abschlusswand des Bildwerferraumes (Riegelwandbau) gegen eine Aristosmauer in Zementmörtel ausgewechselt und hiebei der Bildwerferraum von 2’30 m auf 2’65 m verbreitert werden. Die Bildwerferraumstiege wird gegen den Ausgang gelegt. Von einer zuerst beabsichtigten Verlegung des Umwickelraumes wird abgesehen. Der Fußboden und die Decke des Bildwerferraumes werden mit Kisenbetin hergestellt.“ (Mag.Abt. 52/K217/29/29 v. 5.8.1929 an Johann Türr)

Ab 1930 führte, vorerst aus gesundheitlichen Gründen, zeitweise Türrs Sohn Hans Türr jun. die Geschäfte des Kinos.
Im Dezember 1930 wurde um die Genehmigung einer „Klangfilmtonanlage“ im Bilderwerferraum angesucht.
1931 übernahm die Geschäfte des Kinos Türrs Tochter Karoline Berner, da Türr erneut aus gesundheitlichen Gründen zu einer „Kaltwasserkur in Schärding“ gezwungen war.
Im Juni 1931 kam es im Zuge des Umwandlung des Kinos auf einen Tonfilmbetrieb zu einem Konflikt mit dem gegenüber des Kinos in der Oberkirchergasse wohnenden Viktor Kammerer. Dieser Beschrieb die Lärmsituation nach dem Umbau folgendermaßen:

„Das Kino wurde in ein Tonfilmkino umgewandelt und wird durch die bis gegen 11 Uhr nachts dauernden Vorführungen ein derartiger Lärm erzeugt, welcher sowohl jede geistige Arbeit und das Schlafen unmöglich macht.“

Kammerer stellte die unglückliche bauliche Situation aus seiner Perspektive dar, betonte aber auch, Türr gegenüber wiederholt geäußert zu haben, dass er „keine unnützen Schwierigkeiten machen“ wolle. Das Antwortschreiben der Kinobetreiber im Zuge der auf die Beschwerde hin vorgenommenen Revision und folgenden baulichen Veränderungen wurde im Juli des Jahres von Karoline Berner unterzeichnet.

Am 6. Mai 1933 zeigte Wilhelm Jäger mit Genehmigung des Wiener Magistrats eine Reihe von NS-Propagandafilmen, darunter Adolf Hitler, der große Volkskanzler und Schmied des deutschen Schicksals bei der Arbeit, Die Regierung der nationalen Erhebung übernimmt ihr Amt, Der Aufruf an das deutsche Volk zum Wahlkampf am 5. März 1933, die Machtergreifung in Bayern und Der große Appell der S.A. und S.S. Deutschlands und Österreichs am 8. April 1933. Auch in den folgenden Jahren scheinen laut Eingaben beim Wiener Magistrat NS-Filme im Universum Kino gezeigt worden zu sein.

Heute befindet sich an der Adresse eine Filiale der Bank Austria.

Fassungsraum
1930: 381

Quellen
Wiener Stadt- und Landesarchiv, M.Abt. 104

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