Leopoldinum Kinotheater (1913) – Schottenring-Kino (1915) – Schottenring-Ton-Kino (ab 1930) ‒ De France (1980er-Jahre) – Studio Schottenring (vor 2000) – Kino De France (seit 2001)
Schottenring 5
1010 Wien

Im Sommer 1913 wurde vom damaligen Verein für Krüppelinder-Fürsorge „Leopoldinum“ (8., Piaristengasse 11) an der Adresse 1., Schottenring 5, ein Kino gegründet, das den Namen „Leopoldinum Kinotheater“ trug. Das Kino befand sich als eines der wenigen frühen Kinos in einem Prunkbau entlang der Wiener Ringstraßen und lag zudem nicht im Kellergeschoß, sondern ebenerdig. Bereits in den Akten des Jahres 1915 lief das Kino unter dem Namen „Schottenring-Kino“.
Ein mit „Sofia Swobode“ handschriftlich gezeichneter Sitzplan des schmalen Kinos von 31. März 1919 weist eine Gesamtsitzzahl von 370 Plätzen aus, von denen 283 im Parterre und 87 auf dem Balkon lagen.
Der Verein scheint bis 1923 als Lizenzinhaber auf.
Ab 1924 findet sich daneben auch eine „Frau Sophia Langauer“ als „Kinobesitzerin“ in den Unterlagen des Betriebes.
Sophia Langauer reichte 1924 um die Verlegung des Orchesters ihres Kinos ein, was ihr auch bewilligt wurde.
1925 wurde die Lizenz für den Verein „Leopoldinum“ bis 1. Oktober 1928 verlängert. Ein weiterer Kinoplan von „Hans Drab“ aus dem Jahr 1925 weist insgesamt 360 Plätze auf – davon 273 im Parterre und 87 auf dem Balkon. Hans Drab war seit 1. Juni Geschäftsführer des Kinos und Sohn von Ignatz Drab, der das Kino bereits seit 1926 als Pächter führte.

Im Zuge des mit 11. Juni 1926 neu erlassenen Wiener Kinogesetzes musste der Verein für Krüppelkinder-Fürsorge im Herbst dieses Jahres um die nunmehrige „Konzession“ ansuchen und legte dabei seine ausführlichen Vereinssatzungen bei. Dennoch erhielt in diesem Falle nicht mehr der Verein. Dagegen legte dieser umgehend Berufung ein und begründete seinen Antrag u. a. mit den Worten, „[…] weil weder der Staat noch das Land noch die Gemeinde über wohlerworbene Rechte der Staatsbürger hinweggehen darf“. Der Verein wies in seinem mehrseitigen Berufungsschreiben vom 30. September 1926 auch darauf hin, dass der Vertrag zwischen ihm als „Lizenzinhaber“ und der Kinobetriebsführung zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahren bestand und es daher zu einem „Vertrags- und Vertrauensbruch“ gekommen war, insofern als der Betriebsführer – in diesem Falle wohl Grab in der Nachfolge von Langauer – selbst um die Konzession angesucht hatte. In einem für die damalige Gesamtsituation der Wiener Kinobetriebe interessanten Passus hielt der Verein weiters Folgendes fest:
„Es ist in letzter Zeit in der Öffentlichkeit des Öfteren laut geworden, dass die gegenwärtige ‚Gelegenheit‘ dazu benützt werden solle, den Körperschafen, welche ‚ungerechtfertigterweise sozusagen als Bedrücker‘ an dem Ertrage von Kinobetrieben teilnähmen, die Lizenzen, bzw. Konzessionen womöglich zu entziehen. Über diesen Gegenstand ließe sich sehr viel sagen, wofür hier der Raum mangelt. Nur Eines!: kann, wie im gegenständlichen Falle, ein Unternehmer, der in genauer Kenntnis, dass er dem Lizenzinhaber für die Exploitierung dieser Lizenz eine bestimmte Abgabe zu leisten hat, und der dennoch die Gesellschafteranteile der vorangegangenen, den Betrieb führenden Gesellschaft m.b.H. im Barankauf übernimmt und als deren Nachfolger in den Mietvertrag betreffs der Kinoräumlichkeiten eintritt, als ein bedrückter bezeichnet werden? Gewiss nicht!“
(Einen Tag zuvor hatte der Verein erneut sein Gesuch um Verleihung der Konzession für das „Schottenringkino“ eingereicht – zugleich jedoch auch um die „Genehmigung der Verpachtung derselben“ an Ignatz Drab angesucht.)

Ignatz Drab war 1867 geboren worden und zu diesem Zeitpunkt als Kaufmann in Wien 9., Porzellangasse 39, gemeldet. Er war zu diesem Zeitpunkt Geschäftsführer des Kinos sowie zugleich „selbstständiger Mieter der Kinoräumlichkeiten und Eigentümer der Kinoeinrichtung“, führte „den Betrieb in eigener Regie und bezahlt dem Vereine als dem Lizenzinhaber den Betrag von 10 % der von ihm an die Gemeinde Wien entrichteten Lustbarkeitsabgabe in Monatsraten.“

Das Ansuchen wie auch die Berufung wurden schließlich seitens der Stadt Wien abschlägig beantwortet mit dem Hinweis, dass die Konzession „Hr. Ignaz Drab verliehen wurde“ (hs. Notiz zum Gesuch v. 30. September 1926, vgl. auch Berufungsbescheid v. 21. Jänner 1927).

Der Verein „Leopoldinum“ klagte in den folgenden Monaten weiterhin seine Konzession ein, sodass es 1929 zu einem Schriftsatz im Falle der Konzessionsvergabe des Schottenringkinos kam, das dem Oberlandesgericht Wien im November 1929 vorlag, in dem vor allem die Haltung der Magistratsabteilung 52 scharf angegriffen wurde.

Der Streitfall wurde letztlich zugunsten Drabs entschieden.

Ignatz Drab verkaufte das Kino im Juli 1930 an „Frl. Käthe Kerpner“ – als Besitzerin und Konzessionärin. Käthe Kerpner wurde am 2. August 1910 in Wien als Tochter des Geschäftsinhabers Ignatz Kerpner (1., Rothgasse 6) geboren. Sie besuchte das Lyzeum und die Handelsschule und „bekleidete seit 1. Juni 1929 die Stellung einer Disponentin dieser Firma. […] Um mir eine Existenz zu verschaffen hat mein Vater mir den Betrieb des Schottenringkinos gekauft, und habe ich diesen Betrieb auf diese Weise in mein Eigentum erworben, und zwar habe ich das Eigentum an sämtlichen zum Betriebe des Schottenringkinos gehörigen Betriebs- und Einrichtungsgegenständen ferner die Mietrechte an den Kinolokalitäten auf Grund eines mit der Hausinhabung rücksichtlich dieser Bestandlokalitäten in welchen das Schottenringkino unter[ge]bracht ist, abgeschlossenen Mietvertrages mit Zustimmung des Herrn Ignatz Drab erworben.“

Das Schreiben, das am 6. Juni 1930 beim Magistrat der Stadt Wien einlangte, stammte vom Wiener Rechtsanwalt Dr. B. Ebner (1., Franz-Josef-Kai 19), der zeitgleich auch die Konzessionsrücklegung von Ignatz Drab einreichte. Ebner stand, wie aus einem Schreiben der Bundes-Polizeidirektion in Wien vom 13. Juni 1930 hervorgeht, zu diesem Zeitpunkt auch in einem privaten Verhältnis mit Käthe Kerpner:
„Käthe Kerpner, am 1. August 1910 in Wien geboren und dahin zuständig, mosaisch, ledig, in Wien 3., Gärtnergasse Nr. 4 wohnhaft, ist derzeit im Strumpf- und Wirkwarengeschäft ihrer Vaters Ignatz Kerpner in Wien 1., Rothgasse Nr. 6, tätig. Nach ihrer Angabe war sie im Vorjahre durch einige Monate im Betriebe des Johann-Strauss-Kino, in Wien IV., Favoritenstraße Nr. 12, dessen Konzessionär ihr Bräutigam B. M. Ebner war, tätig.“ (Bundes-Polizeidirektion in Wien. an den Wiener Magistrat, Abteilung 52, v. 13. Juni 1930)

Kerpner wurde schließlich die Konzession zugesprochen, Geschäftsführer wurde Berthold Maximian Ebner, das Kino wurde in den kommenden Wochen für die Umgestaltung geschlossen und nach Fertigstellung der Bauarbeiten am 26. Juni 1930 als Tonkino wiedereröffnet. Wie aus den Umbauplänen des damit beauftragten Stadt-Maurermeisters Karl Michna (3., Gärtnergasse 12) deutlich wird, reduzierten sich die Parterreplätze auf 256 Sitze, während sich auf dem Balkon von nun an 116 Sitze befanden.

Welche Ereignisse in den folgenden Monaten eintraten, ist anhand der Akten des Magistrates nicht ersichtlich. Doch Anfang Oktober 1930 wird erneut der am 11. August 1901 in Wien geborene Hans Drab, „dahin zuständig, mosaisch, ledig, in Wien, 9., Porzellangasse Nr. 39, bei seinen Eltern wohnhaft“, der bereits von „1. Juni 1925 bis 4. Juli 1930“ Geschäftsführer des Kinos, das zu diesem Zeitpunkt noch Eigentum seines Vaters Ignatz Drab war, zum Konzessionär des Kinos – Käthe Kerpner legte ihre Konzession „bedingungsweise“ zu seinen Gunsten am 19. September 1930 zurück und übergab Drab Inventar und Mietrechte per 8. Oktober dieses Jahres.
Von 18. Oktober bis 7. November 1930 blieb das Schottenringkino neuerlich geschlossen und wurde danach wiedereröffnet.

Nur ein Jahr später legte Hans Drab seinerseits seine Konzession zugunsten „Frau Marianne Waizner, Private in Wien 3., Salmgasse Nr. 10“ zurück.
Dr. Ernst Waizner, Ehemann der 1903 in Baden bei Wien geborenen „Privatbeamtengattin“ Marianne (auch: Maria Anna) Waizner, geb. Jokl, hatte zwischenzeitlich „einen 25%igen Anteil an dem Gesellschaftsvermögen des umseitigen Kinotheaters erworben“, Marianne Waizner übernahm im Herbst 1930 die Geschäftsführung des Kinos und erhielt auch die Konzession bis vorerst 31. Dezember 1933. (Interessant ist dabei, dass auch Hans Drab bis 1933 immer wieder in den Unterlagen des Magistrats als Konzessionsinhaber aufscheint.)

Im November 1933 taucht ein neuer Konzessionsinhaber für das Schottenringkino auf: Dr. Rudolf Fleischmann (20., Wallensteinstraße 33). Fleischmann hatte die Konzession von Marianne Waizner über deren Rechtsanwalt übertragen bekommen und erhielt diese offiziell von Jänner 1934 bis Dezember 1936.

Rudolf Fleischmann war am 24. Februar 1895 in Wien geboren worden. Nach seinem Jus-Studium arbeitete er mehrere Jahre „im Bankfach“ und begann laut eigenen Angaben im Juni 1933 seine Tätigkeit im Schottenringkino, sodass es bei der Übernahme desselben festhielt, dass er sich auch „die notwendigen technischen Vorkenntnisse angeeignet habe“.

Bereist am 11. September 1933 reichten Alois Weil, Siegfried Unger, Dr. Ernst Waizner und Dr. Rudolf Fleischmann um den Eintrag der Firma „Schottenring-Ton-Kino – Alois Weil & Co.“ in das Handelsregister ein, um mit dieser Firma gemeinsam das Schottenringkino zu führen.
Der Antrag vom März 1934, die Konzession von Dr. Rudolf Fleischmann auf die neu registrierte „offene Handelsgesellschaft“ zu übertragen, scheiterte jedoch trotz Einschaltung des Oberlandesgerichtes in dieser Causa. Zu den Begründungen dafür zählte vor allem, dass eine Konzession „gemäß § 4 des Wiener Kinogesetzes in der Fassung von 1930, L.G.Bl. Nr. 29/30, persönlich auszuüben“ war.

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Nach 1945 wurde das Kino von der KIBA übernommen und in den kommenden Jahren anspruchsvollere Filme, zum Teil auch in Originalfassung, gezeigt, ehe das einstige Palais in ein Hotel umgebaut und der alte, straßenseitige Kinosaal abgerissen wurde. Da, wo sich einst das ursprüngliche Kino befand, ist heute die Hotel-Lobby.

Um den Kinostandort zu erhalten, wurden in den 1980er-Jahren im Keller zwei kleinere Kinosäle eingebaut, das Kino wurde umbenannt und erhielt den Namen des Hotels, „De France“. Gezeigt wurden in dem intimen Zweisaalkino in den kommenden Jahren vorwiegend US-amerikanische „Blockbuster“ in Originalfassung. Für kurze Zeit erhielt das Kino den Namen „Studio Schottentor“ und wurde erneut mit anspruchsvolleren deutschsprachigen Filmen bespielt, doch auch dieser Versuch scheiterte, und das Kino stand um das Jahr 2000 vor der Schließung. 2001 übernahm das nahegelegene Votivkino das „Kino De France“.
Das Kino besteht bis heute und zählt damit zu den ältesten erhaltenen Kinos.

Im Gebäude, in dem sich heute das DeFrance Kinos befindet, lebte Ende des 19. Jahrhunderts der österreichische Komponist Anton Bruckner, dem zu Ehren im Jahre 1924 die damalige Anton-Bruckner-Gesellschaft hier eine Gedenktafel anbringen ließ, die auch heute noch an der Seitenfront des Gründerzeithauses zu finden ist.


Fassungsraum altes Kino
370 (1919, davon 283 im Parterre und 87 auf dem Balkon)
360 (1925, davon 273 im Parterre und 87 auf dem Balkon)
372 (1930, ddavon 256 im Parterre und 116 auf dem Balkon)


Fassungsraum neues Kino

112 (De France 1)
75 (De France 2) (Stand: 2006)





Quellen
Wiener Stadt- und Landesarchiv, Reichsfilmkammer, Außenstelle Wien, A1 – Kinoakten, 111 Schottenring-Kino
Wiener Stadt- und Landesarchiv, M.Abt. 104: A11, 1., Schottenring-Kino
Werner Michael Schwarz: Kino und Kinos in Wien. Eine Entwicklungsgeschichte bis 1934. Wien: Turia & Kant 1992. S. 185f.
www.votivkino.at
www.kinthetop.at


Fotos (v. o. n. u.)
De France Kino, Seitenansicht Heßgasse (© Angela Heide, 2007)
Tafel der Anton-Bruckner-Gesellschaft (© Angela Heide, 2007)



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