Fassungsraum: 49 ("Theater für 49")

Die Insel wurde 1937 vom Wiener Schauspieler Leon Epp gegründet und war bis zum Ende seines Bestehens im Juni 1938 Wiens führendes "Theater für 49".
Leon Epp wurde 1905 in Wien geboren, studierte in Wien Schauspiel und spielte ab 1924 u. a. in Wien, Teplitz-Schönau, München, Leipzig und Köln, wo er seine spätere Frau Elisabeth Eschbaum kennen lernte. 1929 kam er mit Elisabeth Eschbaum nach Wien zurück, spielte zuerst bis 1931 bei Otto Ludwig Preminger und Jakob Feldhammer am Schauspielhaus (dem ehemaligen Kaiser-Jubiläums-Stadttheater, der heutigen Volksoper) und danach als Schauspieler an einer Reihe von "Geschäftstheatern", eher er sich entschloss, mit einer Gruppe interessierter KollegInnen ein eigenes "Theater für 49" zu gründen. Im Mai 1936 gastierte die Gruppe in E. Jubals Theater für 49 im Hôtel de France, im März 1937 mit Schönherrs Es im Österreichischen Theater in Wien-Neubau.
Am 9. August 1937 erhielt Epp den behördlichen Bescheid, im Haus Parkring 8, 1010 Wien, Bühnenwerke sowie einzelne Szenen im Sinne des § 2, Abs. 1., Punkt 2 lit. a des Theatergesetzes in der Fassung des Jahres 1930 aufführen zu dürfen.
Die Genehmigung war an die "Kleinkunstbühne" "Die Insel" adressiert.
"'Die Insel' war das erste und auch das letzte [Stand: 1949] Theater für 49, das nicht in einem Kellerlokal seinen Standort hatte. Es fand seine Stätte in der Sattelkammer des ehemaligen Palais des Hoch- und Deutschmeisters Erzherzog Eugen, am Parkring im Parterre. Also schon rein äußerlich wirkte es viel vornehmer. Die 49 Sitzplätze waren auf 7 Reihen aufgeteilt. Die Eintrittskarten kosteten 4 Schilling bis 80 Groschen. Die höchste Einnahme bei ausverkauftem Saal betrug 130 Schilling." (Prosl 1949, S. 116)

Die Eröffnung fand am 21. September 1937 mit einer Inszenierung von Paul Claudels Der Bürge statt. Elisabeth Eschbaum (spätere Epp), spielte die weibliche Hauptrolle, die sie nach 1945 noch einmal an der Insel in der Komödie übernehmen sollte.

Wie streng die Auflagen der Polizei für diese Theater der 49 waren, zeigt folgendes Beispiel: Am 14. Oktober 1937 gab man eine Vorstellung für geladene Gäste, bei der jedoch 5 zusätzliche Stühle aufgestellt wurden. Diese führte zu einer Strafhandlung gegen Epp seitens der Behörden, und der Theaterleiter sollte 100 Schilling zahlen oder 24 Stunden ins Gefängnis in das Polizeigefangenenhaus an der Elisabethpromenade. Leon Epp entschied sich für den Strafantritt. Später erzählte er: "Ich saß zum Gaudium des ganzen Ensembles die 24 Stunden ab und setzte dann wieder meine Direktionsgeschäfte fort." (Prosl 1949, S. 117)

Leon Epp kann vielfach als ein Pionier des "freien Theaters" vor und nach 1938 bzw. '45 bezeichnet werden. Bereits bei der Gründung seines literarischen "Theaters für 49" war, ähnlich wie wir es auch in der sog. "freien Szene" kennen der Wunsch stark, sich künstlerisch vom "Geschäftstheater" (Prosl 1949, S. 115) abzuwenden und nicht als "Schauspielbeamter" (Prosl 1949, S. 115) in den Dienst eines österreichischen Staatsschauspiels zu stellen. "[...] es schwebte mir immer vor, ein kleines literarisches Theater für 200 bis 300 Personen aufzumachen. Ich bin aber immer über die Geldfrage gestolpert. Das gründete Jubal sein 'Theater der 49'. Nun stellte ich mir eine Gruppe von Schauspielern zusammen, die wie ich dachten und mit mir kollektiv [!] arbeiten wollten, und suchte nach einem passenden Lokal, um ebenfalls für 49 Personen spielen zu können. Ehe ich es fand, gab ich bei Jubal ab 8. Mai 1936 Gastspiele." (Prosl 1949, S. 115) Das Bedeutende an der Insel war ihre eindeutige künstlerische Richtung: die Gründung eines "literarischen Theaters", d. h. eines Theaters, dass sich explizit der internationalen Gegenwartsliteratur widmete - ähnlich wie heute etwa das Schauspielhaus (was also nichts Neues mehr ist). "Der Glaube, dass ein Theater, das sich eindeutig und mit aller Intensität zur Dichtung bekennt, einen Publikumskreis finden muss und ihm künstlerische, geistige und menschliche Werte vermitteln kann, gibt uns den Mut, dieses Theater 'Die Insel' - der Dichtung - zu schaffen. Als unser Ziel und als wesentlichste Aufgabe des Theaters betrachten wir die sorgfältigste Führung des Dialoges, um so die Musik des Wortes - der Dichtung - zum Klingen zu bringen und dem Hörer zu erschließen." (Prosl 1949, S. 115f.)

In der Folge des "Anschlusses" wurde das "Deutschmeister-Palais" von der neuen, nationalsozialistischen Gemeindeverwaltung annektiert und die Insel musste aufgegeben werden. Die Abschiedsvorstellung fand am 18. Juni 1938 statt.

"Insgesamt hatten 261 Vorstellungen stattgefunden, und zwar wurden gegeben: 150 mal Schauspiele, 72 mal Lustspiele, 13 mal Kindermärchen, 8 mal Opern, 12 Vorträge und Vorlesungen, 4 bunte Akademien und 16 Konzertaufführungen." (Prosl 1949, S. 117f.)


Quelle
Robert Maria Prosl: Die "Theater für 49". Vortrag, gehalten im Institut für Theaterwissenschaft an der Universität Wien am 22. März 1946. In: Jahrbuch der Gesellschaft für Wiener Theaterforschung 1946-1947. Wien: Verlag Jugend und Volk 1949, S. 102-136.

< zurück