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Das Gebäude
1864-1868 plante Heinrich Ferstel für den Industriellen Franz Ritter von Wertheim dessen Ringstraßenpalais, nahezu zeitgleich mit dem gegenüber errichteten neuen Musikvereinsgebäude, das Ferstel für damalige Verhältnisse relativ schlicht konzipierte, zumal gegenüber das Palais von Erzherzog Ludwig Viktor lag, das Wertheims Palais seinerseits nicht in den Schatten stellen durfte. 1871 ließ Wertheim in der Canovagasse 5, in die sein Palais von Ring und Schwarzenbergplatz aus hineinreichte, einen Erweiterungsbau errichten, den Emil von Förster plante. Unterschiedlichen Angaben zufolge ließ bereits Wertheim selbst hier ein kleines, ebenerdiges "Residenztheater" errichten, das zur Unterhaltung seiner Gäste dienen sollte. Aus den Akten des Wiener Stadt- und Landesarchivs geht dazu nichts hervor, das hingegen auf das geplante erste Wiener "Akademie Theater" verweist, das kurz nach Festigstellung des Gebäudes 1872 eröffnet wurde.

Das "erste" Wiener "Akademie Theater"
Das als vorerst als "Akademie Theater" geplante Theaterunternehmen im Wertheimstein'schen Palais in der Canovagasse 5 war das erste Theater in der Inneren Stadt, das nach dem Brand des Theaters auf dem Franz-Josefs-Kai eröffnet wurde. Ausgangspunkt war - wie auch beim heutigen Akademietheater (3., Lisztgasse 1) eine Theaterschule, die vom ehemaligen Hofschauspieler Eduard Kierschner bereits drei Jahre vor dessen Ausstieg aus dem Hofburgtheater-Ensemble beim Wiener Statthalter eingereicht und Anfang 1869 eröffnet wurde.
Die Theaterakademie selbst lag in der nahegelegenen Johannesgasse 22.

Die Theaterschule
Reichere Schüler mussten für den Unterricht zahlen, Schüler aus ärmeren Verhältnissen erhielten den Unterricht gratis, und schon bald hatte die gut gehende Schule 12 Eleven.
Doch da die Schulaufführungen keine Einnahmen brachte, legte Kierschner erneut einen Antrag vor, um auch öffentliche Vorstellungen gegen Entgelt anbieten zu können. Und da die Schulräume selbst nicht geeignet waren, richtete sich der Schauspieler und Schauspiellehrer an den Baron Wertheim, der in der Canovagasse zur selben Zeit ein Haus erbauen ließ, mit der Bitte, dort sein neues Theaterunternehmen einrichten zu dürfen.

Wertheim stellte ihm im Neubau ein "im Erdgeschoß befindliches auf die Gasse und die Einfahrt führendes stockhohes Lokal eigens zu Theaterzwecken" zur Verfügung, das im Herbst 1872 eröffnet werden konnte.
Der Theatersaal fasste dabei bis zu 350 Personen, und Kierschner erhielt die Konzession, hier mit seiner Akademie Sprechtheateraufführungen zeigen zu dürfen.
Noch vor der Eröffnung des Theaters reichte Kierschner jedoch um eine Umbenennung seines Betriebes in "Residenz Theater" ein, und nach dem der Statthalter zugestimmt hatte, eröffnete das neue Residenz Theater am 17. November 1872 mit Lessings Nathan der Weise.

Theaterleiterinnen

Mit der finanziellen Unterstützung der geschiedenen Frau eines Wirkwarenfabrikanten, Josefine Waser, die einen Großteil ihres Kapitals in das neue Theater investierte und so auch auf die Erteilung der Konzession auf ihren Namen bestand, konnte das Theater in den folgenden Jahren halb als öffentliches Theater, halb als Übungsbühne der Schule weiterbestehen.
1875 übertrug Waser die Konzession auf Stanislaus Wolf, der ebenfalls die Konzession für die Schauspielschule erhielt und - nun tatsächlich unter dem Namen "Akademietheater" - das Theater in den folgenden zwei Jahren bespielte, ehe er es im Jahr 1877 an die geschiedene Fleischhauersgattin Leopoldine Milan-Neumayer verpachtete.
Milan-Neumayer erhielt die Konzession und ließ das Theater - nach neuerlicher Umbenennung in "Thalia Theater" (nicht zu verwechseln mit dem Thaliatheater, 16., Thaliastraße 1) - in der künstlerischen Leitung von Adolf Rott weitere zwei Jahre bespielen. 1879 schloss sie das Theater und übergab es an Valerie Grey, ihrerseits eine bekannte Schauspielschulen-Leiterin, die das Theater nun als "Grey Theater" eröffnete und hierher auch ihre Schule verlegte.

Valerie Grey
Zu Grey gibt es je nach Quelle unterschiedliche biografische Angaben. Nach Franz Hadamowsky war Valerie Grey (1845–1934) die Tochter eines ungarischen Generals, der 1848 erschossen wurde. Sie nahm Schauspielunterricht bei Christine Enghaus, Burgschauspielerin und Ehefrau Friedrich Hebbels, ehe sie nach Berlin und St. Petersburg ging. Nach ihrer Rückkehr nach Wien gehörte sie zum Ensemble des Hofburgtheater und leitete ihre eigene Bühne, das Grey Theater. Grey soll später auch Josephine und später Paula Wessely unterrichtet haben.
Nach Angaben des Wiener Stadt- und Landesarchivs wurde Valerie Grey-Stipek am 10. Februar 1845 als Valerie Lövez in Pest geboren und starb am 20. Februar 1934 in Wien 4., Mühlgasse 24. Sie war in Pest, Deutschland und St. Petersburg engagiert, ehe sie in Wien 1880 ihr eigenes Grey-Theater und eine Schauspielschule gründete, wo Josef Kainz und Karl Lueger bei ihr Sprechunterricht nahmen, sowie daneben auch als Schriftstellerin tätig war.
Das Theater blieb bis zu seiner Schließung in den Händen der vielseitigen Künstlerin.

Nachnutzung

Noch heute wird der einstige Theatersaal, der 2018 architektonisch neu gestaltet wurde (www.nextroom.at) als mietbarer, multifunktionaler Veranstaltungssaal genutzt.

Ein weiteres Theater mit den Namen Residenzbühne wurde schließlich 1910 in der Rotenturmstraße errichtet, die heutigen Wiener Kammerspiele. Und das heutige Akademietheater, das sich seinerseits in unmittelbarer Nähe der 1904 errichteten zweiten großen Wiener Konzertbühne, dem Wiener Konzerthaus, befindet, wurde 1913 eröffnet - und wie eins ihre gleichnamige Vorgängerbühne ebenfalls als Übungstheater für die angeschlossene Theaterschule.