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Eröffnung und frühe Jahre
1913 wurde in dem Haus, in dem sich das Kino später befand, von Adolf Loos der "Marmor-Palast" errichtet. Noch im selben Jahr eröffnete hier das Kino mit einem Festakt, bei dem u. a. der damalige Wiener Bürgermeister Richard Weiskirchner zu Gast war.

Die erste Besitzerin der Kinos war Emma Gerstmayer von 1913 bis 1923, eher 1924 der jüdische Filmindustrielle Oskar Glück das Kino kaufte. Gerstmayer blieb jedoch Konzessionärin des Betriebs, ihr Mann leitete das Kino als Geschäftsführer.

Ab 1928 war Adolf Löwenstein Geschäftsführer. Noch im selben Jahr verkaufte Glück das Kino an Löwenstein. Gerstmayer legte ihrerseits die KOnzession im April 1929 zugunsten Löwensteinst zurück, blieb jedoch finanziell noch beteiligt.

1930 leitete Löwenstein als neuer Eigentümer und Konzessionär den Umstieg des Kinos auf Tonfilm ein, wobei er vermutlich bereits in diesem Jahr vom Ehepaar Maria und Josef Borovetz (auch: Borowetz) als Teilhaber:innen finanziell unterstützt wurde.

Im Juni 1930 wurde das Kino für den Umbau in ein Tonkino für drei Wochen geschlossen und danach wiedereröffnet. Im Zuge der Einbauarbeiten der neuen Tonfilmanlage wurde das Kino unter Leitung der Architekten Mautner und Rothmüller generalsaniert, eine neue Lüftungs- und Ventilatorenanlage eingebaut und der Umbau mit der Präsentation des Films Das Kabinett des Dr. Larifari von Rolf Wohlmuth und mit dem damaligen Publikumsliebling Max Hansen (D 1930) feierlich eingeweiht. Wenige Jahre später war Hansen einer der Stars des Theater an der Wien in der Paul-Abraham-Operette Axel an der Himmelstür, eher auch dieser einstige Film- und Theaterstar zur lebensrettenden Emigration gezwungen war.

Im Februar 1932 erlangte die „Italienische Staatliche Fremdenverkehrsauskunftsstelle“, kurz „Enit“ („Ente Nazionale Per Le Industrie Turistiche“) die Konzession für das Kino.

Ab 1934 zeichnet vor allem ein "Manfred Weiss" die Schreiben des Kinos, der ab diesem Jahr die administrativen Angelegenheiten es Kinos verwaltete, das sich seit 1930 auf Vorführungen für "Interessengruppen" spezialisierte.

NS-Zeit
Noch vor dem "Anschluss" im März 1938 hatten Josef und Marie Borovetz, die den Betrieb zu je 50 Prozent besaßen, dieses von Löwenstein gekauft.
Josef Borovetz war zudem zu diesem Zeitpunkt auch Inhaber der Konzession; die betriebliche Rechtsform war eine OHG. Sowohl Marie wie auch Josef Borovetz waren bereits vor 1938 nach eigenen Angaben "illegale Nationalsozialisten" gewesen und erhielten so für den "nazifizierten" Betrieb auch die Spielbewilligung seitens der Reichsfilmkammer.

Ab 3. März 1939 wurde das Kärntner Kino als "Tageskino" geführt, begann sein Tagesprogramm also schon um 10 Uhr Früh und erfreute sich großen Zuspruchs.
1940 machte der damals bereits schwer herzkranke Josef Borovetz sein Testament, in dem er seine Frau als alleinige Erbin einsetzte. Dennoch musste Josef Borovetz gegen Kriegsende das Tagesgeschäft allein führen, da Maria Borovetz zur Arbeit in einem Rüstungsbetrieb verpflichtet wurde. Erst am 4. Jänner 1945 wurde Borovetz die Unterstützung durch einen Geschäftsführer bewilligt.

Der einstige Kinoeigentümer Glück, der mit seiner Filmfirma Projectograph-Film regelmäßig Filme produzierte und mit so wichtigen Regisseuren und Schausspieler:innen wie Fritz Kortner, Carl Lamac, Karl Hartl und E. W. Emo, Maria Jeritza, Hans Moser, Liane Haid, Heinz Rühmann, Willi Forst, Franziska Gaal sowie Pat und Patachon zusammenarbeitete, musste aufgrund seiner jüdischen Herkunft kurz nach dem "Anschluss" Österreichs das Land verlassen. Er kehrte nach dem Krieg aus den USA nach Europa zurück, lebte jedoch bis zu seinem Tod 1966 in München. Am 23. Dezember 1966 wurde er auf dem Wiener Zentralfriedhof begraben.

Nachkriegszeit
Am 18. Mai 1945 beginn Josef Borovetz Selbstmord, am 29. Juni 1945 nahm sich auch Marie Borovetz das Leben – „folgt ihm […] in den Tod nach“, heißt es in einem Antrag Ludwig Krömers an das Amt für Kultur und Volksbildung von 16. Juli 1945. Noch kurz vor ihrem Schritt bat Marie Borovetz ihren Anwalt, ihren Neffen bei der Übernahme des Kinos zu unterstützen. Ihr einziger Erbe war Johann "Hans" Borovetz, ein Neffe der beiden, der in der Folge auch um die Übernahme des Kinos ansuchte. Das Kino wurde am 3. August 1945 wiedereröffnet.

Nachdem das Ehepaar Borovetz in den NS-Akten beteuert hatte, bereits vor dem "Anschluss" NSDAP-Mitglieder gewesen zu sein, wurde das Kino 1945 unter öffentliche Verwaltung gestellt, sodass nicht sicher war, ob Johann Borovetz, obgleich dieser als "unbelastet" galt, den Betrieb übernehmen könnte. Als öffentlicher Verwalter wurde auch hier Dr. Alfred Migsch eingesetzt, Geschäftsführer war Oscar Pollak, dem später Herbert Spenadl (andere Quellen: Spanadl) folgte.

In einem Schreiben des damaligen Stadtrats für Allgemeine Verwaltungsangelegenheiten Josef "Beppo" Afritsch an Dr. Alfred Migsch, den Leiter der öffentlichen Verwaltung, ersuchte Afritsch, das Kino an Johann Borovetz zu übergeben, da dieser als Erbe bestimmt worden war, selbst unbelastet war und zudem als "Halbjude" galt. Vorerst schien es so, als würde dieser Schritt getan werden, doch schon bald war das Kino wieder unter öffentliche Verwaltung gestellt, sodass Borovetz in den folgenden Monaten dagegen klagen musste. Gegen Migsch wurde Anfang 1946 auch vonseiten der Property Control der Alliierten Einspruch erhoben, da „zu diesem Zeitpunkt keine österreichische Behörde mehr berechtigt war, eine solche Maßnahme [= Verwaltung] durchzuführen“. Migsch musste für einige Zeit zurücktreten, wurde aber im Juli 1946 erneut eingesetzt, ehe er schließlich im September 1947 gänzlich abberufen wurde. Der Grund dafür bestand im nun offiziellen Bescheid, dass Hans Borovetz, der alleinige Erbe der verstorbenen ehemaligen Eigentümer, „nach den Nürnberger gesetzten jüdischer Mischling ist, dass sein Mutter Insassin des KZ in Theresienstadt war und dass er selbst politisch unbelastet ist“.

Auch in den folgenden Jahren blieb das Tageskino ein beliebter Treffpunkt vor allem Jugendlicher, wie etwa aus einem Polizeieinsatz hervorgeht, der im Zuge einer Schlägerei jugendlicher Kinobesucher im April 1946 folgte.

Übernahme des Kinos durch die KIBA
Borovetz hatte 1947 zwar das Kino zurückerhalten, nicht jedoch dessen Konzession. Diese wurde von der Stadt Wien an die KIBA als stadteigener Kino-Betriebsanstalt übergeben, wie aus einem undatierten, nur noch teilweise erhaltenen Bericht Migschs hervorgeht. Diesem zufolge hätte er, Migsch, das Inventar entfernen müssen, was er jedoch nicht tat, sodass die KIBA letzten Endes das Kino inklusive dessen Inventar übernehmen konnte.

Ab 1952 führte die KIBA auch das gegenüberliegende Metro Kino, das die Stadt Wien von Leon Epp übernahm, diesem dafür ihrerseits die Direktion des Volkstheaters anbot.

Das Kärntner Kino wurde zeitgleich mit der Übernahme des Metro Kinos durch die KIBA von dieser von Borovetz angekauft und durch Robert Kotas generalsaniert. In den 1970er-Jahren erfolgte eine neuerliche baulige Generalsanierung, erneut durch Kotas, dieses Mal unterstützt von August Weisshaar als zweitem Architekten.

Nachdem sich das wesentlich schönere Metro Kino, dessen ehemaliger Theatersaal bis heute erhalten geblieben ist, auch eines größeren Publikumsandrangs erfreute, versuchte man mit der Namensänderung des Kärntner Kinos auf "Metro vis à vis" in den 1990er-Jahren dessen Attraktivität zu erhöhen und das ehemalige Kärntner Kino quasi als "zweiten Saal" des Metro Kinos anzupreisen. Doch auch dieser Versuch, den Betrieb noch zu erhalten, scheiterte. Ein letztes Mal gestaltete Anfang der 1990er-Jahre Heinz Horst Busch das Portal zeittypisch um, weitere Ideen, das Kino zu einem Drei-Saal-Betrieb umzugestalten, wurden letztlich nicht mehr umgesetzt.

Die letzten Jahre des Kinobetriebes waren u.a. durch die Eröffnung einer Filiale von Mac Donald's im selben Haus beeinträchtigt: "Unscheinbar duckt sich das Metro vis à vis unter die Fassade eines Fastfood-Restaurants", schrieb der Filmkritiker Karl Sierek 1993. (2)

Die letzte Vorstellung fand am 30. Juni 1996 statt, man zeigte den kubanischen Film Guantanamera, auf dem Portal konnte man lesen "Wien feiert 100 Jahre Kino - wir sperren mit 30. Juni zu". Zwar wurde der damalige Filmvorführer Benno Cziep für diese Aktion von den damaligen Eigentümern, dem Cineplexx-Verbund, geklagt; Cziep sollte jedoch letzten Endes Recht behalten. Ab 1. Juli 1996 war das Kino geschlossen, in dem sich heute ein Schnellimbiss befindet.


Nachweise

Fußnoten
(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Oskar_Gl%C3%BCck
(2) Hier zit. nach Franz Grafl: Praterbude und Filmpalast. Wiener Kino-Lesebuch. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik 1993, S. 191.

Archivquellen
WStLA, M.Abt. 104, A11: 1. Kärntnerkino
WStLA, M.Abt.119, A27/4 – K45-K54 (K46): Kärtner Kino (2 Mappen)
WStLA, Reichsfilmkammer, Außenstelle Wien, A1 - Kinoakten: 51 Kärntner Kino
Werner Michael Schwarz: Kino und Kinos in Wien. Eine Entwicklungsgeschichte bis 1934. Wien: Turia & Kant 1992, S. 185.

Bücher
Thomas Jelinek, Florian Pauer: Die Wiener Kinos. Wien 2022, S. 96-102.

Web
www.geschichtewiki.wien.gv.at/Robert_Kotas