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Gründung und Eröffnung

Bereits 1909 wurden die ersten Pläne zur Errichtung eines neuen Kinos im „Residenz-Palast“ an der Rotenturmstraße vom Wiener Stadtbaumeister Viktor Schwadron entwickelt, der auch von Beginn an bis 1938 Lizenz- bzw. ab 1926 bis zum „Anschluss“ Konzessionsinhaber des Kinos war.

Victor Schwadron war am 3. Februar 1865 im galizischen Drahanivka (Ukraine) als Sohn von Shaje Schwadron und Ernestine (Ester) Schwadron geboren worden. Die Familie ging später nach Wien, wo Victor eine Maurerlehrer abschloss und ab 1893 als Stadtbaumeister tätig war. 1904 erbaute Schwadron, der mit seinem Bruder eine eigene Firma für „Thonwarenverschleiß“ gegründete hatte, sein erstes eigenes Zinshaus auf dem Franz-Josefs-Kai 3. 1909 folgte mit dem Kinoplan ein weiterer wesentlich Schritt seiner beruflichen Laufbahn.

Inhaber des geplanten neuen Wiener Kinobetriebs waren mit Kaufvertrag von April 1909:
Arnold Knebel: 28 %
Max Schweinburg: 27 % (zugleich Teilinhaber der Immobilie, 28.2.1863 Lundenburg/Böhmen-9.2.1934, Leopoldstadt)
Erwin Paul Schweinburg, Erich Fritz Schweinburg, Franz Richard Schweinburg: 20 % (zugleich Teilinhaber der Immobilie)
Viktor Schwadron: 20 %
Arthur Baron: 5 %

Inhaber der Immobilie selbst, in der das Kino geplant wurde, war die bekannten jüdische Wiener Investorenfamilie Schweinburg, zu deren Häusern u. a. auch jenes in der Siebensterngasse 42–44 zählte, in dem sich das Kosmos Kino befand, sowie das Bürgertheater (ab 1905); daneben gaben die Brüder Schweinburg Kredite zur Errichtung des Johann-Strauß-Theaters.

Nach ersten, erfolglosen Anläufen beim Wiener Magistrat 1910 konnte das Bauunternehmen endlich begonnen werden. Das Kino befand sich in direkter Nachbarschaft mit der ebenfalls neu eröffneten Residenzbühne im selben Gebäude, als Architekten fungierten Schwadron und dessen Architekturkollege Artur Baron.

Das neue Kino wurde am 3. Dezember 1911 in der Gründungsdirektion des bekannten österreichischen Filmpioniers Joseph Delmont (1873–1935) und mit einem umfangreichen Programmen an internationalen, vor allem französischen Kurzfilmen eröffnet. Nach nur einem halben Jahr folgte über den Sommer 1911 die Schließung des Kinos, was damals keine ungewöhnliche Vorgehensweise in den in den Sommermonaten, zumal in der Nähe des Praters, schlecht gehenden jungen Kinobetrieben. Mit Beginn der neuen Saison änderte sich auch die Direktion, nachdem Delmont Wien für Berlin und den Direktorenposten für neue Filmprojekte verließ: F. E. Sessler wurde neuer Direktor des Kinos, dem im Februar 1913 ein veritabler Erfolg gelang, indem er ein eigenes Festival mit Filmen mit Asta Nielsen ansetzte. Sessler blieb jedoch nur bis 1914 Direktor des Kinos. Ihm folgten Hugo Quittner (bis 1932), ein „Herr Bree“ (bis 1937) und Paul Hirschenhauser (1938).

1913 baute Schwadron nicht nur auf der Wiedner Hauptstraße 64 ein weiteres Kino, das Schönburg Kino, sondern gestaltete auch sein Kino auf dem Fleischmarkt gemeinsam mit Arthur Baron wesentlich um, vor allem, um gegen die steigende Konkurrenz des neu eröffneten Imperial Kinos gegenüber auf der Rotenturmstraße noch besser bestehen zu können.

Während des Ersten Weltkrieges und in den ersten Jahren nach Kriegsende bemühte sich der damalige Direktor Hugo Quittner um publikumswirksame Kassenschlager wie Das Dreimäderlhaus - Schuberts Liebesroman in 5 Akten, Die Lieblingsfrau des Maharadscha oder Liebe und Leidenschaft. Quittner, der davor eine Zeitlang in den USA gelebt hatte und seit den 1910er-Jahren wieder in Wien lebte, spielte auch selbst zu den Stummfilmen Klavier und führte das Kino wohl auch sonst mit einigem Enthusiasmus. Er führte unter anderem ein Programm mit „linken“ pädagogischen Filmen ein und gab Sondervorführungen für die Kinderfreunde, er eckte aber auch immer wieder behördlich an, da er sich über arbeitsrechtliche Bestimmungen gerne hinwegsetzte. Kein Geringerer als Billy Wilder gehörte in diesen Jahren zu den begeistertsten Besuchern dieses Kinos. 1923 gründete Quittner sogar eine eigene Kinoverleihfirma - die Allgemeine Filmindustrie-Gesellschaft Quittner, Zuckerberg und Co. (7., Lindengasse 49), um sich auch in Hinblick auf die gezeigten Filme freispielen zu können.

1926
Akten zum umwölbten Souterrainkino, zu dem zahlreiche Bestuhlungs- und Baupläne vorliegen, finden sich in den Beständen des Wiener Magistrats, M.Abt. 104, erst ab dem Jahr 1926. Zu diesem Zeitpunkt war immer noch Hugo Quittner Geschäftsführer des Betriebs.
In einer Aufnahmeschrift vom 19. Februar 1926 wurde bemängelt, dass der damalige für das Kino tätige Pendler dieselben Wege zu benutzen hatte wie das Publikum. Es wurde daher ein zweiter Ausgang für den Apparateraum vorgeschlagen, auf den Quittner im April mit einem sicherheitstechnischen Gegenvorschlag reagierte – und in diesem Schreiben auf den „16-jährigen Bestand“ des Kinos hinwies, im dessen Verlauf „noch niemals Filmbrand oder ein anderes Gefahrenmoment für die Zuschauer oder den Operateur aufzuweisen“ gewesen wären.

Lizenzinhaber und Mitbesitzer des Kinos war auch 1926 noch Dr. Viktor Schwadron, der – nach Ablehnung des Vorschlages durch seinen Geschäftsführer Hugo Quittner – seinerseits einen Plan zur Verbesserung der Transportwege für den Kinopendler sowie der Sicherheitssituation von Publikum und Operateur vorlegen musste. Erste Vorschläge von Anfang 1927 scheiterten, die Verhandlungen zogen sich bis Ende 1927, ohne eine abschließende Klärung zu erfahren.

1928
Im Dezember 1928 brachte der Verband der Kriegsblinden Österreichs it Sitz in 3., Henslerstraße 3, den Antrag ein, die Konzession von Baumeister Schwadron zu übernehmen, und begründeten dies unter anderem so:

„Wie wir erfahren haben, ist der derzeitige Konzessionsinhaber des eingangs erwähnten Rotenturm-Kinos, Herr Baumeister Schwadron, der sehr reich ist [!] und sich um die Führung des Kinos überhaupt nicht kümmern soll, sondern dieses gegen einen Pachtschilling von S 36.000,- pro Jahr (exklusive Zins und Wohnbausteuer) an Herrn Joachim Hülsenrat, der gleichzeitig auch Pächter des „Kreuzkinos“ Wollzeile ist, verpachtet haben soll. Wie aus diesen Angaben hervorgeht, ist also der Besitzer des von uns vorgeschlagenen Kinos in Verhältnissen, die es wohl gestatten, ihm die Konzession ohne sonderliche Schädigung zu entziehen, wogegen dem Verband durch Verleihung dieser Konzession die Möglichkeit geboten werden würde, wenigstens einen Teil der zur Gründung von Existenzen für noch unversorgte Kriegsblinde notwendigen Mittel aufzubringen.“

Dem Antrag wurde nicht stattgegeben. Schwadron blieb (Mit-)Eigentümer und Konzessionär.

1930/1931 Tonfilm und Umbau durch Schwadrons Sohn und Erben
1930 wurde nach mehrwöchiger Schließung im Sommer die neue Tonfilmanlage präsentiert.
1931 wurde das Kino erneut für mehrere Wochen geschlossen, um die durch den technischen Umbau in ein Tonkino notwendig gewordene geringere Bestuhlung durch eine bauliche Adaption des Kinos wieder aufzuheben, ja, die Bestuhlung des Kinos zu erweitern, wie aus einem Schreiben Quittners sowie weiteren Magistratsbescheiden hervorgeht. Hatte das Kino in den Anfangsjahren um die 350 Publikumsplätze, so waren es ab 1931 511/514 Plätze, davon ca. 420 im Parterre und rund 90 auf dem Balkon.
Die Stühle waren nun gepolstert, und es gab eine neue Beheizungs- und vor allem Lüftungsanlage; zuletzt wurde die erst im Jahr zuvor eingebauten Tonfilmapparaturen durch neue der Firma Western Electric ersetzt.

Die Adaptierungsarbeiten leitete nun Viktor Schwadrons Sohn Ernst gemeinsam mit Schwadrons Langzeitpartner Arthur Baron.

Gerüchte, dass man in das um die Ecke gelegene Residenztheater umziehen sollten, dementierten die Kinobesitzer hingegen, nachdem die Theaterleitung in der Direktion Wenzel kurzfristig beendet werden musste. Gezeigt wurden in den folgenden Jahren vermehrt fremdsprachige Filme, die dem Kino eine besondere Stellung innerhalb des engen Gefüges an Wiener Innenstadtkinos verschaffte.

1932 verließ Quittner das Kino, und der 1907 in Wien geborene „Privatbeamte“ Paul Hirschenhauser („evangelisch A. B. ledig, bewohnt in Wien I., Elisabethstraße Nr. 9/IV/3 eine Zweizimmerwohnung in Untermiete“) wurde Geschäftsführer sowie Stellvertreter des Konzessionärs Victor Schwadron. 1936 wurde Schwadron erneut die Konzession für das Kino erteilt. Noch im selben Jahr änderten sich die Besitzverhältnisse des Kinos jedoch, nachdem Schwadron seinen 20-prozentigen Anteil in diesem Jahr an seine beiden Söhne, den Architekten Ernst Schwadrow (1896–1979) und den Ingenieur Walter Schwadrow (1898–nach1995) übergab (je zehn Prozent).

NS-Zeit
Nach dem „Anschluss“ im März 1938 wurde der zu diesem Zeitpunkt wohl immer noch in Teilen in jüdischen Händen befindliche Betrieb, wie alle anderen Wiener Kinos auch, unter kommissarische Leitung gestellt, bis die nächsten Schritte zur Übernahme des Betriebs getan waren. Im Falle dieses Kinos übernahm die Reichsfilmkammer selbst den Betrieb, um es in den Verband der Ostmärkischen Filmtheater-Betriebe aufzunehmen. 1939 wurde jedoch auf Antrag des nunmehrigen kommissarischen Leiters, Karl Jagschitz, ein Insolvenzverfahren eingeleitet, dem ein Konkursverfahren folgte, das vom Masseverwalter Franz Sebel geleitet wurde. Schließlich ging die Liegenschaft mit „Kaufvertrag“ von 4. Juni bzw. 19. Dezember 1940 sowie den darauf folgenden Bescheiden von 28. Februar 1941 bzw. 6. März 1943 in das Eigentum der Ostmärkischen Zeitungsverlag Kommanditgesellschaft über, die den Kinobetreib in diesen Räumen einstellte.

Nach Kriegsende wurde es von der sowjetischen Verleihfirma „Sov-Export-Film“ übernommen, die in den ersten Jahren nach dem Krieg auch „Besitzer“ folgender weiterer Kinos war: 2. Bezirk: Wohlmuth Kino, Nestroy Lichtspiele, Helios Kino und Filmpalast
4. Bezirk: Johann Strauß Kino
10. Bezirk: Kepler Kino
20. Bezirk: Hochstädt Kino

1948 wurde von Seiten einer „Frau Hütt“ beim alliierten Kontrollrat der Antrag auf Überprüfung der Besitzverhältnisse gestellt. Aus einem Schreiben des Magistrats der Stadt Wien von 9. Jänner 1950 geht hervor, dass es über die „Besitzverhältnisse in den Jahren 1938-1944“ aus den Akten der Mag. Abt. 7 kein ersichtlichen Einträge gab. Und: „Das Kino ist derzeit nicht in Betrieb.“

Hütt machte ihrerseits darauf aufmerksam, dass es „zur Ausübung des Kinos eine Konzession im Sinne der Wiener Kinogesetzes bedürfe“. Ob sie selbst Interesse an der Führung des Kinos hatte oder die Sov-Export-Film, die zu diesem Zeitpunkt von Peter Nikiforowitsch Simin geleitet wurde, die Konzession erhielt, geht aus dem Aktenbestand des Wiener Magistrats (M.Abt. 350) nicht weiter hervor. Das Kino wurde letzten Endes nicht mehr wiedereröffnet.

Ermordung und Flucht der ehemaligen Kinobesitzer und -direktoren
Der ehemalige langjährige Direktor des Kinos, Hugo Quittner, erhielt ab 1932 wohl eine so genannte „Invalidenpension“. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft wurde er nach dem „Anschluss“ verfolgt und schließlich im Alter von 66 Jahren vom Wiener Aspangbahnhof aus ins Baltikum deportiert wurde, wo er in Kowno (Kauen), heute Litauen, in der Shoah ermordet wurde.
Victor Schwadron blieb trotz seiner jüdischen Herkunft nach dem „Anschluss“ in Wien, wo er noch bis 1941 sein „Fachunternehmen für keram. Wand- u. Bodenbeläge, Kanalisierung u. Kläranlagen“ halten konnte; er starb am 25. Mai 1942 mit 78 Jahren starb. Seine beiden Söhne emigrierten 1938 in die USA. Erwin Paul Selby (Schweinburg, * 1887)) gelang die Flucht nach Florida, USA, wo er 1951 starb. Erich Friedrich „Fritz“ Schweinburg (* 1890) emigrierte nach Rochester, USA, wo er 1959 starb. Franz Richard Schweinburg (* 1898) starb 1953 in Australien. Ernst Schwadron (* 1896 in Wien) emigrierte nach Lenox Hill, New York, wo er 1979 starb.

Quellen
Wiener Stadt- und Landesarchiv, M.Abt. 104, A11: 1. Rotenturmkino
Wiener Stadt- und Landesarchiv, Reichsfilmkammer, Außenstelle Wien, A1 – Kinoakten: 100 Rotenturm-Kino
Wiener Stadt- und Landesarchiv, M.Abt. 350, Kinos: Kino- und Theaterpolizei, A14/2, 1: Kinos 1. bis 4. Bezirk
Wiener Stadt- und Landesarchiv, Archiv Adler: Archiv Baumeisterinnung; Wiener Ringstraßenarchiv