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© KinTheTop/Angela Heide zuletzt aktualisiert: 10.11.2021 Zitierweise: http://www.kinthetop.at/forschung/kinthetop_1_TheateramParkring.html, zuletzt eingesehen [Tag.Monat.Jahr]


Nachdem das Studio in der Kolingasse (vormals: Studio der Hochschulen) am 12. November 1950 schließen musste, suchten eine Reihe von jungen Theatermacherinnen, die nicht mit Trude Pöschl in das Konzerthaus gegangen waren, nach einem neuen Ort, um weiterhin Theater machen zu können.
Zu diesem Zeitpunkt wurden im Souterrain des Cafés Parkring, 1., Weihburggasse 28, Räume frei, da Eduard Loibner sein dortiges Kabarett Krokodil schließen musste.
Helmut H. Schwarz, der bereits beim Studio junger Schauspieler, in der Szene 48 und am Theater der 49 im Café Dobner Erfahrungen gesammelt hatte, sprach das Österreichische Studentenhilfswerk an, das die neue Initiative unterstützte, sodass – in der künstlerischen Leitung von Schwarz – das Theater am Parkring am 22. November 1951, fast genau ein Jahr nach der Schließung des Theaters in der Kolingasse, eröffnen konnte.
Man begann mit zwei Premieren innerhalb von zwei Tagen: Lope de Vegas Tumult im Narrenhaus in einer Übersetzung von Hans Schlegel und in der Regie von Peter Fürdauer. Es spielten Herbert Probst, Herbert Fuchs, Walter Langer, Lotte Ledl, Fritz Palkovits, Rudolf Lepeska und andere. Und mit Wozzek in der Regie von Helmut H. Schwarz und mit Otto Schenk, Fritz Palkovits, Herbert Fuchs, Walter Langer, Mario Turra, Charlotte Bauer und anderen.
Der Plan war, vom En-suite-Betrieb der bisherigen Jahre an den jungen Wiener Kellerbühnen abzugehen und vermehrt Repertoire zu spielen, was angesichts der Gegebenheiten, zeitlich, räumlich und personell, jedoch von Beginn an schwierig war.

Der erste große Erfolg stellte sich Mitte Jänner 1952 mit Gotte Utopia von Stefan Anders ein, ein durchwegs hoch gelobte Aufführung in der Regie von Herbert Fuchs und mit Alfons Lipp/Hebert Probst, Robert Werner, Gert Ramberg, Joe Trummer, Karl Schellenberg und Karl Mittner in, so Friedrich Heer anlässlich der Premiere, „hochbedeutsamen Aufführung“, mit der „das Theater am Parkring seine Existenzberechtigung erwiesen hat“.

Der Raum war zuerst ganz in Schwarz gehalten und wurde Anfang 1952 mit roter Jute bespannt, „was ein originelles, beinahe pariserisches Ambiente […] schuf“ (Herbert Lederer); an der Seite gab es einen Koksofen, dessen „beißender Qualm auf bei den heitersten Szenen dem Publikum die Tränen in die Augen“ trieb. „Niemand nahm daran Anstoß – es war ja ein Kellertheater!“ (Herbert Lederer) Es gab nur wenige Scheinwerfer und eine „primitive technische Anlage“ (Herbert Lederer).

Noch in der ersten Spielzeit ging Helmut H. Schwarz als Dramaturg an das Burgtheater. Ihm folgte Erich Neuberg, der das Theater in den kommenden zwei Jahren leitete. Neubergs Interesse galt der Neuinterpretation klassischer Stücke in oft für die damalige Zeit radikalen Inszenierungen, ohne Dekorationen, in „Straßenkleidung“ und mit jungen, eigenwilligen Darstellern, von denen zahlreiche bald schon an anderen Häusern ihre bedeutenden Karrieren fortsetzen sollten: Helmut Qualtinger, Otto Schenk, Kurt Sowinetz, Veit Relin, Kurt Sobotka, Herbert Fuchs, Kurt Jaggberg, Bruno Dallansky, Elfriede Ott, Walter Langer, Edith Prager, Kurt Radlecker, Hilde Rom, Peter Weihs, Beatrice Ferolli, Herbert Lederer, Anton Rudolph, Fritz Zecha.

Neben der Inszenierung von Klassikern standen Stücke von Christopher Frey, Fritz Habeck, Jean-Paul Sartre, Albert Camus und Emlyn Williams auf dem Programm. Sartres Hinter verschlossenen Türen wurde im Mai 1953 ebenso selbst inszeniert wie ein Jahr später im April 1954 Samuel Becketts Warten auf Godot mit Kurt Sowinetz, Otto Schenk, Günther Haenel (Pozzo), Erland Erslandsen (Lucky). Es war die österreichische Erstaufführung des Stückes und einer der Meilensteine des Wiener Nachkriegstheaters. Während  Friedrich Torberg die Inszenierung kritisierte, rezensierte Hans Weigel die Aufführung begeistert schrieb. Diese positive Haltung der Kritiker änderte sich im Laufe der kommenden Monate relativ rasch: "Immer wieder mussten die kleinen Bühnen auch eine schlechte Beurteilung einstecken, die fatal an die verbale Benotung eines alten Schulmeisters erinnerte, im Negativen zwar zurückhaltend, um nicht zu entmutigen, aber doch mit erhobenen Zeigefinger." (Gauss 1994, S. 39).

Mit Ende der Saison 1953/1954 verließ Neuberg das Theater. Ihm folgte eine Doppelleitung mit Kurt Julius Schwarz und Peter Weihs, die beide ebenfalls schon einige Erfahrung im „Kellertheater“ gemacht hatten: Schwarz galt vor allem als Spezialist von Antiken-Inszenierungen, Weihs als überzeugender Darsteller, u. a. gab er die Titelrolle in Camus' Caligula in der Regie von Kurt Julius Schwarz, die noch im Frühjahr 1954 in der Leitung Neubergs Premiere hatte.
Ende Oktober 1954 eröffnete das Theater in der neuen Leitung mit den folgenden Worten im „Programmheft-Provisorium“: „Liebe Freunde unseres Theaters! Verzeihen Sie uns die etwas verlängerte Sommerpause und freuen Sie sich mit uns! Wir glauben, daß es dafürgestanden ist. Können wir Ihnen doch ein ganz neu ausgestattetes Theater bieten! Die modernste Kellerbühne in unserem Heimatlande! Endlich weg von den Kellerwänden – neun Jahre nach dem Kriegsende ist es doch an der Zeit! Sie werden das Theater sehr verändert finden, aber wir hoffen, daß es auch Ihre Zustimmung findet.“ Den Umbau hatte Kurt Zöhrer als Architekt und das Österreichische Studentenhilfswerk als Konzessionär und Finanzier des Theaters realisiert, eröffnet wurde mit Weisenborn, gefolgt von Kaiser, Wederkind und im Februar 1955 einer Ödipus-Inszenierung von Schwarz.
Am 14. Dezember 1958 hatte Sartres Orestie-Bearbeitung Die Fliegen in der Regie von Kurt Julius Schwarz Premiere, das Bühnenbild stammte von Veit Relin, der auch den Orest gestaltete.

Bereits ab 1955 wurden Stimmen lauter, dass vor allem die Programmierung des Spielplans keine Linie erkennen ließ. Dies wurde umso deutlicher, als auch Kurt Julius Schwarz das Theater verließ und Willy Wondruschka als Vertreter des Konzessionärs das Haus führte, an dessen Seite für kurze Zeit der Dramaturg Hans Lechleitner stand. Im Juni 1957 erschien schließlich ein Aufruf Otto Basils im Programmheft zu Heuchler und Heilige von Adolf Opel: Junge Dramatiker, heraus mit dem Hackl!, im dem der renommierte Theaterkritiker schrieb: „Erhebt euch, junge Dramatiker, wider die heutige Welt! tut euer Bestes, sie an allen Ecken und Enden anzuzünden! Träufelt Hirnschmalz und Galle, viel Galle, in eure Sätze, spickt die Szenen mit Dynamit, seid hart und idealistisch wie Schiller, degenblitzend wie Kleist, kettenklirrend und -sprengend wie Büchner! […] Steht fest auf dem Boden der Szene wie Nestroy, laßt euch aber auch ins Bodenlose fallen wie Strindberg. Seid Schau-Schreiber, nicht Nach-innen-Dichter! Das Private fürs Poesiealbum, das Öffentliche fürs Theater! […] Jeder Generation hat einen großen, einen exemplarischen Toten. Der eure heißt Borchert. […] Macht euch sein großes, reines, verwundetes Herz zu eigen […] Wir haben uns über das Jahr Null längst erhoben […] Macht die Augen auf: diese deutsche (und österreichische) Wirtschaftswunderwelt ist voller Probleme, die zum Himmel lodern. Packt sie an […].“
1957 wurde Jörg Buttler, der zuvor schon am Theater tätig war, zu dessen Hausregisseur. Zuletzt wurde dem Betrieb auch noch das Kaleidoskop am Naschmarkt angegliedert, was auch zu interner Kritik des Ensembles führte. Wichtige Mitglieder gingen an andere Bühnen, wie das Theater der Courage oder die Tribüne.

1960 wurde das zu diesem Zeitpunkt schon sehr heruntergekommene Kaffeehaus an eine Kugellagerfirma verkauft. Das Theater am Parkring schloss im Juni dieses Jahres.

Wondruschka gelang es zwar, das Theater am Parkring an den Standort Liliengasse 3 zu transferieren, ein „Unglückshaus“ nach Herbert Lederer, in dem Kabaretts ebenso wie das Theater in der Josefstadt gescheitert waren.

Am neuen Standort nannte sich das Theater am Parkring zuletzt auch noch um: „Unter dem Namen Theater im Zentrum sollte etwas ,Bedeutendes und Großes mit Institutscharakter‘ entstehen, nur war die Vorstellung von dieser ,Größe‘ wohl zu vage und nebulos, und nach relativ kurzer Zeit war es mit allen Theaterunternehmungen des ,Österreichischen Studentenhilfswerks‘ endgültig vorbei.“

Literartur
Herbert Lederer: Bevor alles verweht ... Wiener Kellertheater 1945-1950. Wien: ÖBV 1988, S. 99-115.

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