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Das Theater Die Tribüne besteht seit 1953 an der Adresse 1., Dr.-Karl-Lueger-Ring 4.

In den Souterrainräumen des Café Landtmann waren schon früher Kabarettaufführungen gezeigt worden.
Im Mai 1953 eröffnete hier die von Fritz Weiß gegründete "Kleine Freie Bühne". Eröffnet wurde mit einer Neuübersetzung von Ben Johnsons Der Alchimist (Goldmacher, Schwindler, leichte Mädchen) in der Inszenierung des Gründers. Doch schon nach fünf Vorstellungen war das neue Theaterunternehmen wieder zu Ende.

Im Herbst 1953 gründete Otto Ander in den Räumen, die von der Kleinen Freie Bühne im Frühjahr adaptiert worden waren, "Die Tribüne der österreichischen Dramatiker". Ander hatte bereits 1946 die Österreichische Länderbühne gegründet, die als Tourneetheater beziehungsweise "Bühne auf Rädern" in Schulen in ganz Österreich auftrat.
"Die Tribüne" sollte eine Art Symbiose zwischen der Länderbühne und einem "klassischen" "Kellertheater" jener Jahre werden: Junge Schauspielerinnen und Schauspieler sollten hier erste Schritte machen, sich aber auch an den Tourneen beteiligen, junge Autoren und Regisseure hier aktiv gefördert werden. "Für lebende österreichische Autoren geschah damals wenig … oder nichts. Und die sollten also in der Tribüne vornehmlich aufgeführt werden", erzählte Otto Ander 1985 in einem Gespräch mit dem Schauspieler und Autor Herbert Lederer.

Gespielt wurden in den Gründungsjahren tatsächlich nur wenige internationale Stücke sowie "Klassiker" bzw. moderne Klassiker, dafür standen Werke von Hans Friedrich Kühnelt, Friedrich Kaufmann, Felix Braun, Emil Beisach, Rudolf Bayr, Karl Wiesinger, Raimund Berger, Kurt Radlecker und Helmut H. Schwarz auf dem Programm.

Zu den Künstlerinnen und Künstlern, die hier in den kommenden Jahren tätig waren, zählten Alfred Böhm, Heinz Petters, Georg Corten, Hermann Kutscher oder Kurt Sowinetz.

Regie führten im ersten Jahrzehnt Peter Weihs (3), Gandolf Buschbeck (5), Hermann Kutscher (4), Heinz Röttinger (2), Herbert Kesten, Hort Kepka, Norbert Kammil (9), Harald Dubsky, Emil Feldmar (3), Hans Brand, Otto Ambros und Georg Lhotzky. Zu den Bühnen- und Kostümbildnern zählten Lorenz Withalm, Gerhard Hruby, Harry Glück, Carla Tietz, Eva Poduschka, Richard Weber, Herta Canaval, Claus Pack. Josef Brun, Magda Stehly, Rudolf Schneider Manns-Au und Lambert Hofer.
Gerhard Rühm gestaltete für mehrere Produktionen die Musik: 1954 für Sappho und Alkaios (UA), Ein indisches Märchenspiel (UA), Jahrmarkt der Gefühle von Karl Wiesinger (UA) und 1955 für Das Reich der Melonen von Raimund Berger (UA).

In den ersten beiden Spielzeiten gab es nur Uraufführungen, von denen nicht alle erfolgreich waren: Bergers Der verschwundene Engel musste nach nur fünf Vorstellungen abgesetzt werden, Seine letzte Berufung von Helmut H. Schwarz schaffte nicht mehr als sieben Aufführungen. Kaufmanns Der Tanz im zerbrochenen Himmel erreichte hingegen 25 Vorstellungen, Der Gott aus dem Weinkrug nicht weniger als 45. Erfolgreich waren auch Emil Breisachs Zivilcourage und Rudolf Bayrs Sappho und Alkaios mit Maria Ott und Lia Ander, das sogar über das Spielzeitende hinaus übernommen werden konnte.
Im Bildtelegraf von 22. November 1954 lobte Hans Weigel anlässlich von Felix Brauns Ein indisches Märchenspiel:

"Im Keller des Café Landtmann vollzieht sich die Geburt eines neuen Stils, vergleichbar mit der Reform der Bayreuther Festspiele, und das ist weder ironisch noch verkleinernd gemeint, im Gegenteil: Reine Wort- und Gedankendramen scheinen tauglichere Objekte für solche zukunftsweisende, produktive Experimente als Wagner mythologische Staatsaktionen mit Musik. […] Die Tribüne hat ihre Daseinsberechtigung diesmal schon zu Beginn der Spielzeit aufs erfreulichste erwiesen. Wie Felix Braun den Lorbeer für seine Dichtung, so verdient Hermann Kutscher den Kelleroscar für Regisseure."

1957 wurde Kurt Radleckers Dramatisierung von Dostojewskis Roman Schuld und Sühne ein besonderer Erfolg. Doch schon Ende des Jahrzehnts wurde kritisiert, dass das "avantgardistische Moment […] überhaupt ein wenig in den Hintergrund gerückt" war, wie Peter Weiser im Wiener Theaterjahrbuch 1956 schrieb. Zeitgleich wurde Die Tribüne neben den großen Wiener Theatern in die "Österreichische Theatergemeinde" aufgenommen, die mit thematisch breiten Abonnements eine größere Publikumsschicht ansprechen wollte. "Was konnten also einem Theatergemeinde-Publikum Robert Musils Schwärmer bedeuten, deren sich Die Tribüne in einer Inszenierung von Norbert Kammil annahm", fragte Herbert Lederer Jahre später. "Man versuchte also, ein erprobtes Erfolgsrezept nochmals anzuwenden: Kurt Radlecker dramatisierte wieder einen Dostojewski-Roman, diesmal Der Idiot. Karl Mittner spielte wieder die Titelrolle." Georg Lhotzky führte Regie, konnte aber 1960, drei Jahre nach dem großen Erfolg von Schuld und Sühne, nicht noch einmal derart punkten. Und auch Ustinovs Romanoff und Julia, das 1959 herauskam, wurde zwar zu einem Publikumserfolg, hatte aber in der Inszenierung der Tribüne (Emil Feldmar) nicht die interpretatorische Schärfe, die das Stück eigentlich erforderte.
"Man lacht, und sogar recht oft. Und dafür verkauft der Wiener sein Gewand, das ist sein Himmel", hieß es in der Österreichischen Neuen Tageszeitung anlässlich der Premiere. Noch schärfer kritisierte Weigel in der Illustrierten Kronenzeitung vom 2. Juni 1959 die österreichische Erstaufführung: zum einen war das Stück zu seicht, zum anderen wurde hier nicht mehr, wie ursprünglich versprochen, ein österreichischer Dramatiker uraufgeführt.

"Nach der siebten Saison [1960] war Die Tribüne der österreichischen Dramatiker fest etabliert als ein Theater, in dem jedenfalls viele gute Schauspieler zu sehen waren, sich drehend in einem nicht immer ganz plausiblen Wechselreigen von wirksamen, unterhaltsamen Lustspielen und zeitweise sehr ernsthafter Auseinandersetzung mit moderner Dramatik vornehmlich österreichischer Provenienz. Sobald diese anscheinend wirkungsvolle und sichere Mischung gefunden war, stand nichts mehr im Wege, sie weitere fünfundzwanzig Jahre (oder noch viel länger) fortzusetzen …", fasste Herbert Leder in Bevor alles verweht … 1986 das erste Jahrzehnt zusammen. Wieder 35 Jahre später existiert Die Tribüne noch immer am selben Ort.

Gezeigt wurde hier in späteren Jahren unter anderen Felix Mitterers Kein Platz für Idioten, 2008 wurde ein Stück von Norman Stehr hier aufgeführt, 2009 Dietrich und Leander von Beatrice Ferolli, die zu den langjährigen Künstlerinnen zählt, die hier auftraten und arbeiteten.
Seit 2002 leitet Karlheinz Wukov, der seit 1980 hier tätig war, das Theater, an dem seither laut Angabe auf der Website des Theaters unter anderen "Helga Papouschek, Johanna Thimig, Gabriele Schuchter, Dany Sigel, Christian Brandauer, Heribert Sasse, Lukas Perman, Erika Pluhar, Ernst Stankovski, Heinz Holecek, Heinz Zuber, Heinz Zednik, Gerhard Ernst, Alfred Sramek, Ulrike Beimpold, Hilde Sochor, Gerhard Tötschinger, Christiane Hörbiger, Cornelius Obonya, Axel Zwingenberger, Peter Patzak, Maresa Hörbiger, Sona MacDonald, Gerti Drassl und Hannelore Hoger" zu sehen waren.

Mit der Neuübernahme Wukovs wurde das Theater in "Theater Die neue Tribüne" umbenannt. Der Anspruch der Gründungsjahre, "modernes, zeitgemäßes, zeitgenössisches Theater zu realisieren", sollte dabei ebenso wenig verloren gehen wie die "Suche nach Entdeckungen: Bühne für neue Talente, sei es Schauspieler, Tänzer, Musiker, Schriftsteller, Regisseure oder Bühnenbildner. Lebendiges, heutiges Theater, […]."

Quellen
Herbert Lederer: Bevor alles verweht … Wiener Kellertheater 1945 bis 1960. Wien: ÖBV 1986, S. 140–150.
www.tribuenewien.at

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