< zurück

© KinTheTop/Angela Heide zuletzt aktualisiert: 10.12.2021 Zitierweise: http://www.kinthetop.at/forschung/kinthetop_1_WienerWerkel.html, zuletzt eingesehen [Tag.Monat.Jahr]

Das bis 1938 unter dem Namen "Moulin Rouge" bestehende Unternehmen befand sich in der Liliengasse 3, Ecke Weihburggasse 9.

Gründung als Grand Gala
An der Adresse, dem ab dem frühen 17. Jahrhundert hier beheimateten (zweiten) „Lilienfelderhof“, einem zwischen dem Abriss des alten Gebäudes 1911 von 1912 bis 1913 erbauten neuen Zinshaus nach Plänen von Ignaz Nathan Reiser ersetzt. Vermutlich bereits ab der Fertigstellung des Hauses 1913 befand sich hier ein Unterhaltungslokal, das zuerst den Namen „Etablissement Grand Gala“ trug. Als erster Geschäftsführer wurde Moriz Rosner eingesetzt, der Betrieb hatte 350 Plätze. Architekt des neuen Wiener Unterhaltungslokals war Eduard Prandl, der unter anderen auch für die Planung des Varietés Apollo (1903/1904) und des Johann Strauß Theaters (1908–1960) verantwortlich gezeichnet hatte.
1914 trat Rosner aus dem Betrieb wieder aus.

Moulin Rouge
Das bereits davor an der Adresse Weihburggasse 11 bestehende „Moulin Rouge“ musste fast zeitgleich Konkurs anmelden und schloss an dieser Adresse seine Tore. Von 1915 an bis 1920 wurden die Räume für rekonvaleszente Soldaten des Ersten Weltkrieges als Veranstaltungsort genutzt. Ab 1920 findet man den Begriff „Palais de danse Moulin-Rouge“ für den neuen Standort nur ein Haus weiter, Weihburggasse 9, Ecke Liliengasse. Ab diesem Jahr wurde das Etablissement vor allem für Tanzveranstaltungen verwendet, die von „feinster wiener französischer Küche“ begleitet wurden, wie es in einer Werbeannonce aus diesem Jahr hieß. Im Laufe der Zeit traten immer mehr Varietékünstlerinnen und Varietékünstler auf.

Ab 1927 findet man Arthur Glück (1., Singerstraße 12) als neuen Konzessionär des Unternehmens, wobei in diesem Jahr unter anderen auf Modeschauen hingewiesen wird, die hier gezeigt wurden, aber auch darauf, dass Glück das Unternehmen noch immer zu denselben Bedingungen zu führen habe wie 1913 Moriz Rosner.

1932 eröffnete hier das „Vergnügungsetablissement Moulin Rouge“ in den in diesem Jahr erneut umgebauten Räumen, die von nun an durch eine Zwischendecke verkleinert beziehungsweise erweitert wurden. Der Umbau wurde von Carl Witzmann geleitet, der unter anderen 1923/24 das Theater in der Josefstadt umgebaut hatte. Witzmann baute Bühne wie Zuschauerraum um, ließ die bis dahin in den Saal laufende Treppe abtragen, eine Drehscheibe einbauen und den Zuschauerraum mittels einer Stahlkonstruktion heben. Weltwirtschaftskrise und die beiden großen Umbauten von 1929 und 1932 ließen Glück in eine finanzielle Krise rutschen, obwohl er von 1932 bis 1933 mit Karl Farkas und ab 1933 mit Fritz Grünbaum Publikumslieblinge des Unterhaltungsgenres an das Haus binden konnte. Im September 1933 zeigte man hier beispielsweise die Revue „Verlieb dich täglich“ mit Grünbaum und Franz Engel.
Ab 1934 nannte sich das Varieté „Revue-Bühne Moulin-Rouge“; Konzessionär war zu diesem Zeitpunkt die „Revue- und Vergnügungsgesellschaft m.b.H.“ mit Sitz 1., Weihburggasse 9, als Geschäftsführer agierte noch immer Arthur Glück; gezeigt wurden Revuen wie „Mädchen im Hotel“ (Oktober 1934). Noch im selben Jahr übernahm Philipp Hamber mit Geldern aus den mit seinem Bruder geführten Kino- und Filmverleihgeschäften den Betrieb, doch da sich die finanzielle Situation der Brüder zu diesem Zeitpunkt als katastrophal herausstellte, konnte auch Hamber den Betrieb nicht halten. Eine noch am 8. Jänner 1935 angekündigte Revue von Farkas und Grünbaum kam so nicht mehr zustande. Im Mai 1935 wurde im „Neuen Wiener Tagblatt“ auf den Niedergang des Moulin Rouge eingegangen und davon berichtet, dass Philipp Hamber wie auch Arthur Glück „verschiedene Unregelmäßigkeiten zum Nachteil der Gesellschaft nachgewiesen“ wurden und sie in das Wiener Landesgericht überstellt worden seien, da bei beiden „Flucht- und Verdunklungsgefahr“ bestehe.

Im April 1935 trat Glück zurück, wie aus einem Schreiben an das Besondere Stadtamt von 29. April des Jahres hervorgeht. Ihm folgten der am 3. August 1902 in Angern an der March geborene Arthur Amelin (5., Margaretenstraße 78) und 1936 Julius Gertler.
Betreiber war nun die „Lilienfelderhof Vergnügungsetablissement Ges.m.b.H. (,Moulin Rouge‘)“, die zudem eine „Gast- und Schankgewerbekonzession in der Betriebsform eines Vergnügungsrestaurants und Bar“ für die Räume besaß. Das Etablissement verfügte über drei „separierte Räume“ für dessen „Tanzgirls“, die 1936 aufgelöst werden sollten. Es war zu diesem Zeitpunkt vor allem ein Nachtlokal mit „Animierdamen“.

1937 wurde für den Standort vom am 21. April 1904 geborenen Konstrukteur und Kassier beim Mieterbund Wien Robert Püls (8., Josefstädter Straße 33) und vom Wiener Beamten der Landesleitung der Vaterländischen Front Helmar Schramek (* 3. Juli 1912; 5., Kliebergasse 1a) der Antrag auf Verleihung einer Kinokonzession beim Wiener Magistrat vorgelegt. Dieser wurde jedoch aufgrund der negativen Stellungnahme der Interessenverbände abgelehnt: „Von einem Bedarf nach neuen Kinoplätzen in Wien kann bei der behördlich wohl bekannten, außerordentlich schwierigen Situation der Kinobetriebe nicht im Entferntesten gesprochen werden“, hielt der Bund der Wiener Lichtspiel-Theater in einem Schreiben von 9. Jänner 1938 fest. Und weiter: „Jede Vermehrung der Konkurrenz durch die Schaffung eines neuen Kinobetriebes würde für die Wiener Kinobetriebe – noch dazu in der Inneren Stadt – ein Unglück bedeuten. Wir bitten daher nochmals um die Abweisung des Ansuchens der Firma Robert Puls & Co […].“

Für die Jahre 1935 bis 1938 fasst Markus Felkel in seiner Diplomarbeit „Vom Etablissement Grand Gala zum Theater im Zentrum – eine theaterarchäologische Spurensuche in Wien“ zusammen:

„Das Image als Vergnügungsetablissement scheint für die neuen Besitzer Glück und Hamber Legitimation gewesen zu sein, aus einem Nachtlokal eine Revue-Bühne mit Star-Faktor zu etablieren. Nachdem die Unternehmung zusammenbrach, wurde das Moulin Rouge zu einem Tanzlokal mit Animierdamen – der Mythos vom Bordell-/Separee-Betrieb kann für die Phase von 1935 bis 1938 belegt werden.“

Wiener Werkel
Gegründet wurde das Theater 1939 durch den damaligen "Parteianwärter" Adolf Müller-Reitzner. Hier spielten während des Krieges ehemalige Mitglieder der "Literatur am Naschmarkt", wie Rudolf Weys, Hugo Gottschlich, Josef Meinrad, Rolf Olsen, Franz Paul und Christl Räntz. Unter Pseudonymen waren anfangs auch die "Halbjuden" Fritz Eckhardt und Kurt Nachmann als Autoren dabei.

Ende des Jahres 1938 beantragte Adolf Müller-Reitzner, 4., Heumühlgasse 3, die Konzession „auf Zulassung für Cabarettveranstaltungen im ehemal. Moulin Rouge“. Der Antrag wurde vom Wiener Magistrat, „Landesleiter der Reichstheaterkammer, Herr Valberg“, positiv begutachtet, sodass Reitzner die Zulassung erhielt.

Zu den Schauspielerinnen und Schauspielern, die in den kommenden Monaten hier auftraten, zählten unter anderen Wilhelm Hufnagl, Rosl Dorena, Walter von Warndal, Traute Witt, Karl Kalwoda, Amandus M. Hauke, Theo Prokop, Helly Fuhs, Rolf Olsen und Adolf Müller-Reitzer selbst.

Die Konzession für Reitzners „Kleinkunstbühne Wiener Werkel“ wurde 1940 und erneut 1941 verlängerte. Im Zuge der allgemeinen Theatersperre wurde auch diese Wiener Spielstätte 1944 geschlossen.

Theater im Moulin Rouge
Nach der Schließung aller Theater und Kriegsende eröffnete das einstige "Wiener Werkel" 1945 als "Theater im Moulin Rouge" wieder, schloss aber 1946 wieder – und eröffnete zuletzt 1950 noch einmal für kurze Zeit als Wander- und Reisebühne.

Kleines Haus des Theaters in der Josefstadt
1946 zog die "Literatur im Moulin Rouge", die einige Zeit an dieser Adresse ihre künstlerische Heimat gefunden hatte, aus und der damalige Dramaturg des Theaters in der Josefstadt, Alfred Ibach (1902-1948), der bereits unter einz Hilpert gearbeitet und nun bei Rudolf Steinboeck tätig war, übernahm die frei gewordenen Räume als neue Studiobühne für das Theater in der Josefstadt.

Studiobühnen waren zu dieser Zeit mehrere in Wien zu finden, etwa das wenige Monate davor gegründete Studio der Hochschulen oder bald darauf das "Studio der Schauspieler", die spätere "Szene 48" , und Ibach gab in einem Handzettel des Theaters in der Josefstadt anlässlich der Eröffnung der neuen Räume folgende Definition für den neuen Theateransatz:

"Studiotheater unterscheidet sich von dem gewöhnlichen Theater durch die Erwartungen, die dem Publikum nahegelegt sind. Während der Besucher der gewöhnlichen Theatervorstellungen mit seinem Billett einen Anspruch auf Kunstgenuß oder auf Spannung und Unterhaltung erwirbt, erwirbt der Studiobesucher einen Anspruch auf aktive Mitentscheidung. Er erwartet, daß von ihm ein Ja oder Nein zu keineswegs von vornherein gesicherten Darbietungen abverlangt wird. Er ist Partner und Schiedsrichter in einer Art Experimentalvorstellung, die sich vorgenommen hat, zur Lösung von Problemen des Geistes oder der Form dadurch beizutragen, daß sie sie zunächst einmal stellt. So ist Studio immer auch eine Sache der Jugend. Auf beiden Seiten der Rampe heißt seine Devise: entdecken oder entscheiden! Gerade in der Unentschiedenheit des Ausgangs liegt die wesentliche, die geistige Spannung für den Besucher."

Anders als andere Studiobühnen der Zeit, waren die Gründer keine Studierenden (beim Studio der Hochschulen) oder junge Theatermacher und Theatermacherinnen, die zum Teil noch in Ausbildung standen, sondern ein renommiertes Wiener Theater und dessen leitender Dramaturg. So konnte Ibach, der über gute Kontakte zu Verlagen, Autoren, Regisseure verfügte und auf das Ensemble des Theaters in der Josefstadt zurückgreifen konnte, einen, wie Herbert Lederer in "Bevor alles verweht ..." 1986 schreibt, "reiferen" Spielplan gestalten, wenn auch viele Autoren sich auch auf anderen kleineren Bühnen der Zeit wiederfanden. So wurde mit Hans Weigels "Barabbas oder der 50. Geburtstag" am 28. Jänner 1946 eröffnet, "der ersten wesentlichen Uraufführung eines österreichischen Autors nach dem Krieg überhaupt" (Herbert Lederer).

Es folgten Stücke von Thornton Wilder, Heinrich Carwin, Jean Anouilh, Curt J. Braun und J. B. Priestley. Vor allem aber gehörte Ibach zu den frühen Wiederentdeckern Ödön von Horváths, den er hier, nicht jedoch im großen Haus zeigen konnte: 1946 kam "Hin und Her" mit Liedtexten Weigels und in der Regie von Christian Moeller heraus. 1947 folgte "Figaro läßt sich scheiden", das Ibach selbst inszenierte. Zu den Regisseuren des kleinen Hauses zählten vor allem Franz Pfaudler und Josef Zechell, daneben so bekannte Namen wie Hans Thimig, Rudolf Steinboeck, Leopold Rudolf und Hans Holt.
Am 21. März 1946 feierte Franz Hrastniks erstes Theaterstück, "Der Maler Vincent", für das der Autor selbst auch das Bühnenbild schuf, seine Uraufführung mit Leopold Rudolf in der Rolle des Malers, dessen Leben der Autor als tragisches Stationendrama nachzeichnete.
Neben Rudolf gehörten so prominente Schauspielerinnen wie Aglaja Schmid, Hell Servi, Melanie Horeschovsky, Ludmilla Hell, Gisa Wurm und Grete Zimmer und so beliebte Schauspieler wie Alfred Neugebauer, Gandolf Buschbeck, Theodor Danegger, Karl Böhm, Karl Kalwoda, Erik Frey und Ernst Waldbrunn zum Ensemble, das hier immer wieder auftrat. Unter den Nachwuchsdarstellern und -darstellerinnen finden sich auch Namen wie Erni Mangold (* 1927) oder Kurt Sowinetz (* 1928).

Doch am 16. Juni 1948 starb Alfred Ibach, und das bis dahin als eines der besten der Stadt geltende kleine Theater änderte seinen Spielplan neuerlich und brachte von nun an vor allem kabarettistische Programme und Lustspiele, die schon in der letzten Spielzeit zu Lebzeiten Ibachs Einzug gefunden hatten: die Kabarettrevuen "Seitensprünge" und "Wir sind so frei" von Hans Weigel sowie die Operette "Entweder - oder" von Alexander Steinbrecher (Musik) und Weigel (Text), "Es schlägt zwölf, Herr Doktor" von Hans Adler und Hans Lang, "Abziehbilder, ein österreichisches Wunschtraumbüchl in 16 Kapiteln" von Weigel, Ernst Hagen, Gottfried Haindl, Hermann Kind und Rudolf Spitz oder "Wigl-Wagl, wienerische Indiskretionen in 28 Bildern" von Rolf Olsen und Aldo von Pinelli.

Am 21. Mai 1950 endete nach nur viereinhalb Jahren der Versuch einer jungen Studiobühne des Theaters in der Josefstadt. "Was so hoffnungsvoll erneuernd begonnen hatte, endete in der Abgeschmacktheit eines Transvestitenschwankes", resümierte Herbert Lederer die von Ibach begonnenen Neuerungsversuche kritisch.

Zeitgleich begannen die Kammerspiele als zweite Bühne des Theaters in der Josefstadt das zuletzt am Studio gebotene leichte Unterhaltungsprogramm weiterzuführen. Und 1952 versuchten die jungen Ensemblemitglieder des Theaters in der Josefstadt noch einmal, den Studio-Gedanken wiederzubeleben und die "Junge Bühne des Theaters in der Josefstadt" zu gründen. Doch nach einer Eröffnungspremiere mit Sartres "Tote ohne Begräbnis" in der Regie von Otto A. Eder, bei der unter anderen Kurt Jaggberg (1922-1999), Michael Toost (1927-1983), Kurt Sowinetz (1928-1991), Bibiane Zeller (* 1928) und Ernst Stankovski (1928) mitwirkten, und einer zweiten Arbeit, die vom Nachwuchsensemble jedoch nicht mehr selbst fertiggestellt wurde (Kafkas Das Schloß), endete der Versuch bereits wenige Monate wieder, und "[v]on einer Jungen Bühne hat man danach nie wieder was gehört" (Herbert Lederer).

Intimes Theater & Ensemble der Namenlosen im Intimen Theater
Von 1955 bis 1956 leitete Karl Farkas, der bereits in den frühen 1930er-Jahren zum Leitungsteam des Moulin Rouge gehört hatte, den Raum unter dem Namen „Intimes Theater“, 1956 bis 1958 trat dort das „Namenlose Ensemble“ auf, zu dem unter anderen Helmut Qualtinger und Ernst Waldbrunn gehörten.

Theater der Jugend
1964 erfolgte die Übernahme durch das Theater der Jugend, das den Raum seitdem als fixe Spielstätte nutzt.

Raum
Der maximale Fassungsraum beträgt aktuell 230 Sitzplätze inklusive zwei Rollstuhlplätzen mit je einer Begleitperson. Die technische Ausstattung erlaubt Sprechtheater- und Musikproduktionen. Eigentümervertreter des Theaters ist die Weiss-Tessbach Hausverwaltung GmbH.

Quellen
Wiener Stadt- und Landesarchiv, M.Abt. 104, A8–27: Margarethener Orpheum, Maxim, Messepalast, Metropoltheater, Moulin Rouge
Herbert Lederer: Bevor alles verweht ... Wiener Kellertheater 1945–1950. Wien: ÖBV 1988, S. 45–50.
Markus Felkel: Vom Etablissement Grand Gala zum Theater im Zentrum – eine theaterarchäologische Spurensuche in Wien. Wien 2015 (Diplomarbeit der Universität Wien)
https://www.tdj.at/das-theater/technik/theater-im-zentrum/allgemeines
https://docplayer.org/77970303-Diplomarbeit-vom-etablissement-grand-gala-zum-theater-im-zentrum-eine-theaterarchaeologische-spurensuche-in-wien-verfasst-von.html

< zurück