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1973 wurde im Französischen Saal des Künstlerhauses ein Theaterraum mit einer Publikumskapazität von maximal 186 Sitzplätzen eingerichtet.

Im April 1974 übernahm Conny Hannes Meyer mit seiner 1958 gegründeten Gruppe "Die Komödianten" das Haus (von 1963 an war diese im Spielraum am Börseplatz tätig gewesen); das Theater wurde als "gesellschaftskritisch" mit "Experimentalcharakter" definiert, der Spielplan konzentrierte sich auf antifaschistische Stücke mit Schwerpunkt auf den Dramen Bertolt Brechts.
Im Oktober 1985 löste sich die Gruppe im Zuge einer künstlerischen wie finanziellen Krise - ein Teil hatt sich bereits zuvor abgespalten und die Gruppe 80 gegründet - auf.

In der Folge wurde das Künstlerhaustheater unter die Verwaltung der Stadt Wien gestellt und von nun an vom dafür eigens gegründeten stadteigenen "Theaterverein" geleitet, der daneben auch zahlreiche andere Aktivitäten der Stadt Wien koordinierte und u. a. auch das Literarische Quartier in der Alten Schmiede führte.

Das Künstlerhaustheater sollte von nun an allen interessierten Theatern sowie nicht institutionell produzierenden Theaterschaffenden, also Burgtheater und Staatsoper ebenso wie "freien Gruppen" zur Verfügung gestellt werden. Da jedoch keinerlei konzeptionelle oder inhaltliche Planung hinter der Vermietung der Räume stand, war es, wie auch der damalige Leiter der Bundestheaterverwaltung, Robert Jungbluth, kritisierte, nahezu unmöglich, ein stringentes Programm für das Haus und damit auch eine in der Öffentlichkeit wahrnehmbare Neupositionierung des Künstlerhaustheaters zu bewirken. Ziel der Bundesverwaltung war es jedoch im Gegensatz zu den Interessen der "freien Szene", das Haus gänzlich als neuen Proben- und Produktionsort der Bundestheater zu gewinnen, im Speziellen jedoch als neue, dritte Bühne des Burgtheaters (Intendanz Claus Peymann).

1985 wurde das Künstlerhaustheater durch die damalige Arbeitsgemeinschaft "IG-Freie Gruppen" (IG freie Theaterarbeit) sechs Tage lang besetzt.
Man verwies auf die ursprüngliche Widmung des Raumes anlässlich der Vergabe des Theaters an die Komödianten knapp 10 Jahre zuvor, dass es sich hier um eine autonome Produktionsstätte für freie Theaterarbeit handle. Am 29. November 1985 erschien eine gemeinsame Willenserklärung der "freien Theaterszene" Wiens, die folgende Forderungen an die Kulturpoltik der Stadt stellte:
"Die Zur-Verfügung-Stellung des Künstlerhaustheaters an das Ensemble 'Komödianten' sowie freie Gruppen war das Ergebnis eines zähen kulturpolitischen Kampfes der in den 60er-Jahren aktiven Theateravantgarde - Autoren, Schauspieler, Regisseure - mit der Kulturadministration unseres Landes.
Das 'Aus' der 'Komödianten' betrifft somit nicht nur dieses eine Ensemble, sondern die gesamte österreichische Theateravantgarde und ihr Publikum.
Wir verstehen das Bedürfnis des Burgtheaters, einen günstigen Spielort für kleinere Produktionen zu finden, als sein derzeitig genutzter 3. Raum es sein kann. [...]
Auf das Heftigste verwahren wir uns jedoch dagegen, dass die Bundestheater, die uns eigentlich als Verbündete zur Seite stehen müssten, uns um die Früchte jahrzehntelanger kulturpolitischer Kämpfe bringen. [...]
Wir erklären uns jederzeit in der Lage, das Künstlerhaustheater in selbstständiger künstlerischer und organisatorischer Leitung weiterzuführen." (Dokumentation der Autoren-Theater-Enquete. Autorensolidarität. Wien 1985, S. 94, hier zit. n. Hirschbüchel 1991, S. 20)
Das Künstlerhaustheater blieb jedoch weiterhin unter der organisatorischen und operativen Gesamtleitung der Stadt.
1987 betrug die Miete des Künstlerhaustheaters 6.000 (andere Angaben: 10.000) Schilling pro Tag, wobei diese bei der Bespielung durch "freie Gruppen" zu gleichen Teilen von Stadt und Bund übernommen wurde.

In den späten 80er-Jahren traten hier u. a. das Jury-Soyfer-Theater, die Theater m.b.H., das Tanztheater homunculus, das Wiener Ensemble oder die Showinisten auf.

Im Herbst 1987 war das Theater schließlich einer der Veranstaltungsorte des Festivals heftiger herbst, der, eine Veranstaltungsreihe der Stadt Wien, von der "freien Szene" zum Teil heftig kritisiert wurde und in Folge dessen der Theaterverbund "Politische Bühne Wien" (Theater m.b.H., Jura-Soyfer-Theater, Fo-Theater und Neue Wiener Volkskomödie umd Gustav Ernst und Erhard Pauer) konstituiert wurde, der ein neues Nutzungskonzept für das Haus der Stadt Wien vorlegte - ein frühes Modell eines "Koproduktionshauses", wie es 2003 seitens der Stadt Wien im Zuge der "Wiener Theaterreform" gefordert werden sollte: Das Haus sollte mit einer Basisjahressubvention von 1,2 bis 1,5 Millionen Schilling unterstützt werden, die in die Organisation und die Betriebskosten fließen sollten. Die Produktionen selbst - gezeigt werden sollten je 1-2 Arbeiten der beteiligten Koproduktionspartner - sollten durch die Produktionsförderungen der einzelnen beteiligten Gruppen gesichert werden. Inhaltlich wollte man an der Linie eines politisch-kritischen Theaters fortsetzen und vor allem österreichische Gegenwartsdramatiker bringen. Durch die gemeinsame Leitung und Nutzung des Hauses wollte man sowohl die künstleriche Bandbreite der Wiener freien Theaterszen garantieren wie neuerlich eine stingente ästhetische Linie in das Künstlerhaus bringen.
Das Konzept wurde vonseiten der Stadt Wien mit der Begründung, man fürchte "gruppendynamische Prozesse", abgelehnt.
Darüber hinaus waren nicht alle freie Gruppen der Stadt im Theaterverband vertreten, etwa das ebenfalls am Künstlerhaustheater interessierte Wiener Ensemble, vor allem aber der Tanz hatte in dieser Konstellation keinen künstlerischen Raum, und gerade das Tanztheater homunculus hielt mehrfach fest, dass das "Künstlerhaustheater für Tanzvorführungen auf Grund der variablen Bühne" die Voraussetzung für eine Nutzung durch Gruppen aus dem Bereich Tanz auf ideale Weise erfülle (vgl. Sigrid Löffler: Der Kampf um das Künstlerhaus. In: Profil, 08.02.1988).

Die Stadt Wien entschied sich infolge für eine zentrale Verwaltung durch die Stadt selbst. 1989 (1990) wurde Christian Pronay als Koordinator des Hauses eingesetzt, der von da an als Organ der Stadtverwaltung die finanzielle und operative Gebarung des Hauses inne hatte.

Der Plan der damaligen Kulturstadträtin, Ursula Pasterk, war es, die "zersplitterte" "freie Wiener Szene" an diesem Haus zusammenzuführen und zur "Schaffung einer Identität" beizutragen. Die Einnahmen einer Abendveranstaltungen an diesem durch die Stadt Wien verwalteten Haus gingen anfangs zur Gänze an die Kulturschaffenden selbst.

Das änderte sich jedoch mit der Zeit, man vergaß, dass es sich bei dem Unternehmen um ein Theater der Stadt Wien handelte, förderte das Haus im Verbund mit dem Konzerthaustheater im Rahmen des Subventionstopfes für "freies Theater", in den letzten Jahren mussten auch die Einnahmen geteilt werden und der Wien-eigene "Theaterverein" konnte - vertreten durch MitarbeiterInnen des Vereins bzw. des dietheaters - darüber hinaus weitere Projektgelder durch den Topf für "freie Gruppen" akquirieren (s. u.).

Mit der neuen Direktion des Hauses ab der Spielzeit 2007/08 kehrt Pronay in die Kulturabteilung der Stadt Wien als Mitarbeiter des dortigen Leiters für die Theateragenden der Stadt zurück.

Bereits Anfang der Neunzigerjahre kritisierte die IG freie Theaterarbeit folgende Mängel am dietheater-Verband:

- keine Probenräume für freie Gruppen, die hier spielen;
- keine Depots;
- nur Gruppen, die eine Subvention durch die Stadt Wien erhalten, dürfen an diesem Haus der Stadt Wien spielen;
- der Spielplan wird derart geplant, dass keine spontanen, zeitaktuellen Arbeiten am Haus möglich sind;
das Programm wird, in der Figur des Leiters des Theatervereins, von der Stadt Wien diktiert, so dass es zu keinen notwendigen Freiräumen für freie Theaterarbeit kommen kann; der Stil des Hauses - Verordnungen, Vorgaben, Kontrolle - wurde als "undemokratisch" und zum Teil überaus unprofessionell (z. B. Pressearbeit) kritisiert;
- der Theaterverein Wien ist eine Institution der Stadt Wien zur "Förderung freier Gruppen Österreichs", ist jedoch selbst keine freie Gruppe, erhält seine Gelder jedoch aus dem Topf für "freie Gruppen";
- keine einzige "freie Gruppe" ist Mitglied in diesem Verein;
- die angeblichen 4 Techniker, die der "freien Szene" mit diesen Häusern der Stadt Wien zur Verfügung stehen sollten, waren von Anfang an nicht vorhanden.

Es kann also festgehalten werden, dass das Künstlerhaustheater, dass seit den 90er-Jahren den Namen dietheater trug, was auf die Bespielung und Nutzung durch mehrer frei produzierende Gruppen und Ensembles hinweisen sollte, nach dem Ende der Komödianten 1985 bereits als ein Theater der Stadt Wien angesehen werden, jedoch nicht als ein eigenständig programmiertes und konzipiertes Theaterhaus der "freien Szene" und wurde mehrfach bereits ab dem Gründungsjahr als "Zwangsbeglückung" durch die Stadt Wien kritisiert.

Christian Pronays langjährige Mitarbeiterin und damit ebenfalls Angestellte der Stadt Wien - vorerst als Sekretärin, danach als Mitarbeiterin des Betriebsbüros und zuletzt als künstlerische Mitarbeiterin im Bereich Tanz, Anna Thier, wurde 2003 als Vertreterin der Stadt mit der Mitarbeit an einer "unabhängigen" Studie einer "Gedankengruppe" zum "freien Theater" in Wien betraut, die sie gemeinsam mit Günther Lackenbucher - als Dramaturg des ebenfalls im Verbund der Stadt Wien organisierten Theaters der Jugend - und dem deutschen Journalisten Uwe Matheis ganz im Sinne der Immobilieninteressen der Kulturabteilung unter Leitung des amtierenden Kulturstadtrates Andreas Mailath-Pokorny verfasste.

Die Studie Freies Theater hält 2003 zum dietheater fest:
"Die Defizite im Wiener Freien Theater [!] stellen sich nicht nur auf der Ebene der Verteilung von Fördermitteln dar, sie sind im wesentlichen auch struktureller Art. Es fehlen Spielorte, an denen es möglich ist, die Aktivitäten im Freien [!] Theater zu bündeln, ihre Produktion in einer den künstlerischen Zielen angemessenen Weise zu qualifizieren und daraus ein für ein potenzielles Publikum attraktives Programm zu gestalten. An Häusern, die lediglich als Abspielstätten für Freie [!] Produktionen konzipiert sind und die keine budgetären Möglichkeiten [!] haben, um gezielt Koproduktionen zu initiieren, ist das kaum möglich. Ein Haus wie dietheater Wien beispielsweise bewältigten [!] im vergangenen Jahr über 100 verschiedene Produktionen an über 360 Aufführungstagen. Ein markanter Spielplan ist unter diesen Bedingungen nicht herzustellen." (www.wien.at)
Der Theaterverein als eine stadtwieneigene Organisation ist auch in der neuen künstlerischen Leitung des dietheaters Träger des in Besitz der Stadt Wien befindlichen Hauses.
Interessanterweise findet sich bei den Förderzusagen für "freie Gruppen" für das Jahr 2006 eine Projektförderung für die "freie Gruppe" "Theaterverein" unter Verweis auf Nadine Jessen als Projektleiterin des eingereichten Projektes Spiel:Platz. Nadine Jessen war zu diesem Zeitpunkt Mitarbeiterin des Hauses und damit Angestellte des Theatervereins im Verbund der Stadt Wien. Die Förderung wurde von seiten der Kuratoriums, in dem sich zu diesem Zeitpunkt ihre ehemalige Kollegin Anna Thier befand, in der Höhe von 40.000 Euro zugesagt. D. h. dass der stadtwieneigene Theaterverein 2006 für eine Produktion im dietheaterkünstlerhaus (im dietheaterkonzerthaus) eine Förderung aus dem Topf für freie Gruppen erhielt, es entgegen der im obigen Zitat festgehaltenen Feststellung, dass das Haus keine "budgetären Möglichkeiten" habe, "gezielte Koproduktionen zu initiieren", sehr wohl Gelder aus dem Topf für "freies Theater" in die Wien-Immobilie des Künstlerhaustheaters flossen.

Knapp 15 Jahre zuvor hielt Reinhard Auer, damaliger Leiter der Jury-Soyfer-Theaters, in einem Gespräch über die Ablehnung des unabhänigigen Konzeptes des Theatervebundes "Politisches Theater" fest: "Das ist fehlendes Vertrauen in selbst verwaltete Modelle." (Vgl. Hirschbüchler 1991, S. 23)
Bereits 1988 war über die Entscheidung der damaligen Kulturstadträtin für eine stadtwieneigene Leitung des Hauses durch den Theaterverein in der Theaterzeitung des Jury-Soyfer-Theaters ein Artikel erschienen, der schon damals die problematische Situation der "freien Theatszene" Wiens angesichts eines städtisch verwalteten Künstlerhaustheaters deutlich machen sollte:
"Was ist das Künstlerhaustheater derzeit: Intendantentheater mit mehreren Gruppen, Einbindung in die Verwaltung der Wiener Festwochen.
Die Initiative des Verbundes Politisches Theater im Künstlerhaus, die ein gemeinschaftlich verwaltetes Produzentenmodell des Jura-Soyfer-Theaters, Fo-Theaters, der Neuen Volksbühne und der Theater m.b.H. in Kooperation mit Autoren vorzieht, ist gescheitert."
2004 hält das Kontrollamt der Stadt Wien über den Theaterverein Wien (Träger: Stadt Wien) fest:
"Der Theaterverein Wien, der im Geschäfts- und Kulturleben unter den Namen 'dietheater Wien' bzw. 'dietheater Künstlerhaus'und 'dietheater Konzerthaus' auftritt, unterstützt seit seiner Gründung durch die Stadt Wien [!] 1989 insbesondere freie Gruppen bei der Durchführung von Produktionen und bei der Ausformung im künstlerischen Bereich und schafft die dafür nötigen Präsentationsmöglichkeiten. In den Jahren 2001 bis 2004 gewährte die Stadt Wien dem Theaterverein Wien - neben Bau- und Investitionskostenzuschüssen von rd. 0,30 Mio. EUR - Subventionen für den laufenden Betrieb von rd. 2,80 Mio. EUR, mit denen insgesamt 1.543 Vorstellungen und 542 Produktionen und Festivals dargeboten wurden. Zusätzlich zur Förderung für die eigentliche künstlerische Tätigkeit des Theatervereines Wien erhielt dieser Subventionen und Ausfallshaftungen für die Gründung der Tanzquartier-Wien GmbH [!] und der Theaterhaus für Kinder-Kindertheater GmbH [!]. Bei der Einschau in die Gebarung wurde die widmungsgemäße Verwendung der Förderungsmittel festgestellt. Hinsichtlich der Organisation und Administration ergaben sich Verbesserungsmöglichkeiten.
2007 wurde im ehemaligen dietheater das neue "brut" als feste Spielstätte der freien Performance-Szene in der Stadt Wien eröffnet.

Seit 2015 wird das Theater künstlerisch von Kira Kirsch geleitet, einer ehemaligen Mitarbeiterin (steirischer herbst) und engen Vertrauten der derzeitigen Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler.
Kaup-Halser verlängerte kurz nach Amtsantritt die künslerische Letung von Kirsch bis 2023.


Aktuelle rechtliche Situation:
Das Theater ist eine 100-prozentige Institution der Stadt Wien, getragen von Koproduktionshaus Wien GmbH und Wiener Theaterverein, der seinerseits vom ehemaligen Leiter des dietheater, Christian Pronay, als Geschäftsführer geleitet wird. Die ersten beiden künstlerischen Leiter waren Thomas Frank und Haiko Pfost. Nach acht Jahren beendeten die beiden ihre Arbeit in Wien.


Quellen & Links:
Doris Hirschbüchler: Zur Situation der freien Gruppen in Wien.Wien: Dipl.masch. 1991, S. 58f.
theaterverein-wien.at
brut-wien.at
Kontrollamtbericht zum Theaterverein Wien 2004