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Das „Atzgersdorfer Zentral Kino“ wurde 1909 errichtet (andere Ang. nennen auch 1910) und hatte bereits zu Beginn einen vergleichsweise großen Fassungsraum von 420 Sitzplätzen. Es zählte von den ehemals sieben Kinos, die es in Wien Liesing vor dem Zweiten Weltkrieg gab, zu den ältesten bestehenden Kinos des Bezirks. Gebäude und Kinosaal Das Gebäude, in dem sich das Kino befand, war ein sogenannter Zweckbau. Das Kino selbst wurde im Hof des Gebäudes errichtet. Durch einen zwei Meter breiten Eingang gelangte man in den 16 x 3 Meter großen Warteraum des Kinos. Der in den Plänen als „Theaterraum“ bezeichnete Kinosaal war 28 x 9 Meter groß und mit Klappstühlen ausgestattet, wobei der Zuschauerraum vorne breiter war und ab der Mitte des Raumes schmäler wurde; der Vorführraum war 3 x 4 Meter groß. Gründer und erster Lizenzinhaber Gründer, Besitzer und Inhaber der Lizenz war Johann Bumba. Während des Ersten Weltkrieges wurde Bumba, der zum Kriegsdienst eingezogen worden war, von seiner Schwester Marie Bumba vertreten, die das Kino für zwei Jahre alleinverantwortlich führte. Das Kino wurde in dieser Zeit nur montags, mittwochs und an den Wochenenden bespielt und wechselte später auf die Spieltage Dienstag, Donnerstag und Wochenende. 1915 veranstaltete Marie Bumba in ihrem Kino zwei Benefizabende für kriegsverwundete Soldaten, die Spendeneinnahmen in der Höhe von 200 Kronen wurden für die Weihnachtsbescherung dieses Jahres gespendet. Zwischenkriegszeit 1931 wurde im Kino eine Tonfilmanlage eingebaut, relativ spät im Vergleich zu vielen anderen Wiener Kinos, und der Betrieb in „Erstes Atzgerdorfer Tonkino“ umgenannt. 1935 übernahm der ausgebildete Schlosser Franz Konrad den Betrieb. Am 1. September 1937 stieg Josef Ziegler, der ebenfalls Besitzer des Apollo Kinos in Hainburg war, in den Betrieb ein, wobei Konrad und Ziegler von nun an durch einen Gesellschaftsvertrag zu je 50 Prozent an den Einnahmen beteiligt waren. Diese Konstruktion blieb auch während der NS-Zeit aufrecht, wobei Konrad auch als Geschäftsführer fungierte, während dessen Tochter als Kassiererin im Kino arbeitete. Vorführer war nachweisbar 1944 der Sohn des Kinogründers, der „Lederzurichter-Gehilfe“ Anton Bumba. NS-Zeit Konrad führte das Kino in diesen Jahren – wenn auch nicht aus politischen Gründen – sehr zur Unzufriedenheit der Reichsfilmkammer, Außenstelle Wien, die sich in mehreren Schreiben über die Geschäftsführung des Betriebs beschwerte und zumindest zeitweise überlegte, Konrad die Kinoleitung zu entziehen. So wurde bei einer Kontrolle des Kinos am 9. Mai 1939 festgestellt, dass Franz Konrad allein seit dem 1. Februar 1939 57 Sitzplätze ohne behördliche Genehmigung aufgestellt hatte, womit der Fassungsraum des Kinos von den zu diesem Zeitpunkt genehmigten 373 auf erneut 430 Sitzplätze erhöht worden war. Im Jänner 1944 wurde eine 1,30 Meter lange, raumhohe Kunststoffplatte in der Mitte des Saales errichtet, die im zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr beheizbaren Kino die durch die Tür einströmende Kaltluft zu den Bildwerfern und den Projektions- und Schauöffnungen verhindern sollte. In einem Kontrollbericht aus dem August 1944 wurde die Beleuchtung des Theaters als mangelhaft beschrieben, da nur „Soffittenluster“ als Deckenbeleuchtung dienten. Doch da das Kino bereits durch Bombenschäden teilweise zerstört war, gab es keine andere Möglichkeit der Beleuchtung, wie Konrad argumentierte. Daneben wurden von den NS-Behörden auch die Tonqualität, Bildausleuchtung sowie der Zustand der Klappstühle als nur noch „mittelmäßig“ beschrieben; Kabine und Apparate wurden als „verschmutzt“ bezeichnet, und am linken Tongerät war die linke Zahntrommel völlig abgenutzt. Schließlich wurde auch die Entlüftung als „vollkommen ungenügend“ beschrieben und empfohlen, Holzkufen und Samtschlitten anzuschaffen, da „gute Filme vorgeführt werden“. Am 28. Dezember 1944 ersuchte Konrad bei der Reichsfilmkammer um die Freistellung von Appellen und Volkssturmübungen an, um das Kino weiterführen zu können. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs war das Kino kaum noch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen: Wie aus einem damaligen „Fahrtbericht“ ersichtlich wird, musste man die Straßenbahn bis zur Philadelphiabrücke nehmen, von hier mit dem Autobus oder einer Straßenbahn bis zur Maurer Endstation fahren und von dort weitere 35 Minuten Fußmarsch zurücklegen. Nachkriegsjahre Obgleich kein „arisierter“ Betrieb, wurde auch das Atzgerdorfer Zentralkino im Jahr 1945 unter die öffentliche Verwaltung von Dr. Alfed Migsch gestellt, ehe Franz Konrad und Josef Ziegler 1947 wieder als Betreiber bestätigt wurden, wobei die Konzession auf Konrad ausgestellt wurde, der auch weiterhin die Geschäfte führte. 1960 übernahm Josef Ziegler diese Aufgabe gemeinsam mit Adelheid Jakob-Käferle. Während der ersten Jahre des Wiener „Kinosterbens“ wurde der Spielbetrieb stark reduziert, und man spielte nur noch an Dienstagen und Donnerstagen, ehe man Ende der 1960er-Jahre wieder täglich spielte. Letzte Jahre 1968 übernahmen Anton und Adelheid Jakob-Käferle das Kino. Ersterer fungierte nun als Geschäftsführer, während die bisherige Geschäftsführerin die Konzession erlangte. Das Atzgerdorfer Zentralkino war das letzte Liesinger Kino, das noch bis in die Mitte der 1970er-Jahre bestehen konnte. 1976 musste jedoch auch dieses Kino schließen: Die letzte Vorstellung fand am 16. Mai 1976 statt, man zeigte die Westernkomödie Nobody ist der Größte mit Terence Hill (I 1975, R: Damiano Damiani). Inhaber:innen Johann Bumba (1909-1932) Konrad Franz & Co. (1937-1945) öff. Verwaltung Dr. Alfred Migsch (1945-1947) Konrad Franz und Josef Ziegler, Hainburg (1947-1960) Josef Ziegler und Adelheid Jakob-Käferle (1960-1976) Lizenz/Konzession Johann Bumba (1909-1935) Konrad Franz (1935-1945) öff. Verwaltung (1945-1947) Konrad Franz (1947-1960) Josef Ziegler (1960-1968) Adelheid Jakob-Käferle (1968-1976) Geschäftsführer:innen Johann Bumba (1909-1914) Marie Bumba (1914-1916) Johann Bumba (1916-1935) Konrad Franz (1935-1945) öff. Verwaltung (1945-1947) Konrad Franz (1947-1960) Josef Ziegler (1960-1968) Anton Jakob-Käferle (1968-1976) © KinTheTop/Angela Heide zuletzt aktualisiert: 28.11.2024 Zitierweise: http://www.kinthetop.at/forschung/kinthetop_23_LiesingerKino01.html, zuletzt eingesehen [Tag.Monat.Jahr] |