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< zurück Das Gebäude Das Haus, in dem sich ab 1920 das Atlantis Kino befand, wurde von Friedrich Kleibl (1856-um 1927) im Jahr 1911-1912 im späthistorischen Stil erbaut. Das schmale Gebäude, bei dem Kleibl mit unterschiedlichen Stilen, von Historismus und Jugendstil bis hin zum Einsatz „mittelalterlicher“ und „altdeutscher“ Stilelemente experimentierte, gilt heute als das bedeutendste Werk des Architekten. Das 1920 durch einen schmalen Gang durch das Gebäude erreichbare Atlantis Kino befand sich von 1920 an in Besitz der „Atlantis G.m.b.H.“, zu deren Miteigentümerinnen von Beginn an Elsa Löwinger, später verheiratete Elsa Epstein, gehörte. Die Lizenz lag vorerst beim Wieser’schen Staatsbeamtenspital (1920-1926, Verwaltung: Gesellschaft zum Goldenen Kreuz), danach beim Landesverband der Kriegsinvaliden (1927-1934) und ab 1934 beim Österreichischen Kriegsopferverband (Obmann: Emil Fey), zum Zeitpunkt des „Anschlusses“ 1938 schließlich bei der Eigentümerin Elsa Epstein selbst. Eröffnet wurde das luxuriös ausgestattete Bezirkskino, das zu den Wiener Erstspielern zählte, mit Rudolf Bierbachs Film Moj (D 1920, Produktion: Maxim Film Gesellschaft), in dem so prominente Schauspieler wie Anton Edthofer, Rudolf Forster und Josef Rehberger, aber auch Bierbach selbst zu sehen waren. Das Neue Wiener Tagblatt lobte anlässlich der Eröffnung des neuen Kinos dessen exklusive Ausstattung: ![]() Die großen Lichtspielhäuser in den Zentren des Auslandes haben in Wien bisher nur wenige würdige Gegenstücke erhalten. Es ist dies zumeist darauf zurückzuführen, daß geeignete Baulichkeiten fehlen, die eine räumliche Ausdehnung unserer Lichtspielbühnen ermöglichen würden. Das gestern eröffnete Atlantis-Kino (5. Bezirk, Wiedner Hauptstraße Nr. 108, Jägerhorn) hingegen zeigt in allen Details die prächtige Aufmachung der großstädtischen Theater des Auslandes. Der vornehm abgestimmte Theatersaal des Atlantis mit 700 numerierten Sitzplätzen und 16 Logen dominiert in seiner räumlichen Gestaltung. Erlesenheit zeichnet ebenso die anschließenden großen Warteräume mit Wintergarten und Rauchsalon, die zum Verweilen ebenso einladen wie das dem Theater befindliche Restaurationsbuffet, das Cafe und die Konditorei. Den musikalischen Teil bestritt ein ganz vorzügliches Tonfilmorchester unter der Leitung des Kapellmeisters Emmerich Hörer. Die Generalprobe, die gestern vor geladenen Gästen stattfand, hatte denn auch einen unbestrittenen Erfolg zu verzeichnen. Die Besucher äußerten sich nur in Worten höchster Anerkennung über das Theater und dessen geschmackvollen Einrichtungen. Ab heute 5 Uhr nachmittags werden die öffentlichen Vorstellungen mit dem großen Schauspiel „Moj“ nach dem Roman von Hans v. Hoffenstahl mit Lotte Neumann und Anton Edthofer aufgenommen. Bereits im Jänner 1930 konnte hier eine Tonfilmanlage angebracht werden, der erste Tonfilm, der hier lief, war Die fliegende Flotte von George W. Hill (USA 1929) mit Ramon Novarro. Noch ohne Sprechrollen, beeindruckte der Film durch den Einsatz von Musik. Hill wurde bald darauf zu einem der prominentesten Tonfilmregisseuren, ehe er 1934 mit nur 39 Jahren Suizid beging. Das Atlantis Kino blieb auch in den folgenden Jahren ein beliebtes Bezirksgroßkino. NS-Zeit Bis zum „Anschluss“ am 13. März 1938 befand sich das Kino im Teilbesitz von Alfred Epstein und Elsa Epstein-Löwinger, die neben diesem auch das Löwen Kino (3.), das Maria-Theresien-Kino (7.), das Luna Kino und das Astoria Kino (17.) sowie das Kolosseum Kino in Linz, insgesamt also nicht weniger als sechs Kinos bzw. Mehrheitsanteile davon besaß. Im Falle des Atlantis Kinos leitete Epstein das Kino selbst, in den anderen Fällen war sie zwar Teilhaberin, aber nicht Inhaberin der jeweiligen Betriebskonzessionen. Die andere Hälfte befand sich im Eigentum von Friederike „Fritzi“ Selahettin (verehelichte Biro Bey Schoultawic). „Die beiden Frauen hatten wegen ihrer nichtarischen Abstammung Verfolgungen durch den Nationalsozialismus zu befürchten, denen sie sich nur durch die Flucht entziehen konnten“, hielt Anwalt Dr. Heinrich Foglar-Deinhardstein im Zuge des Restitutionsverfahrens 1947 in einem Schreiben an das Bundesministerium für Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung fest. Da Elsa Epstein aufgrund ihrer Anteile an mehreren Wiener Kinos für die Reichsfilmkammer (RFK), Außenstelle Wien, von besonderem Interesse war, drohte in ihrem Falle sogar die Gefahr einer Verhaftung und Deportation. So schrieb der damalige Stelle der Außenstelle Wien der RFK, Dr. Peter Zimmer, am 5. Mai 1938 an die Gestapo im „Hotel Metropol“ am Schwedenplatz: „Unter Hinweis auf den beiliegenden Bericht über die Geschäftstätigkeit der Frau Epstein-Löwinger stelle ich den Antrag, [sie] wegen Gefahr der Vermögensverschleppung und Vermögensverschleierung in Schutzhaft zu nehmen.“ (FFK-Akt „Atlantis Kino“) Wie aus einem Schreiben Elsa Epsteins an ihre Nichte nach Kriegsende hervorgeht, wurde sie wohl wirklich in der Folge für nicht weniger als 12 Wochen inhaftiert. Epstein und ihrem Mann gelang schließlich die Flucht. Auch Friederike Sehalettin konnte mit ihrem 1922 geborenen Sohn Turhan Gilbert Selahettin noch rechtzeitig entkommen. Die Geschiedene ehemalige Kinobesitzerin floh noch 1938 (and. Ang.: 1940) über die Schweiz und Paris in die USA, wo sie zuerst in Princeton (andere Ang.: New Hampshire) lebte, ehe sie nach Los Angeles zog, wo Turhan Gilbert Selahettin unter seinem Künstlernamen Turhan Bey als Hollywood-Darsteller einige Bekanntheit erlangte. „Das Kino wurde im Jahre 1938 von Wilhelm Lauer arisiert“, gegen den mit Kriegsende ein „beim Volksgericht Wien ein Strafverfahren anhängig ist“, schrieb die Shoah-Überlebende später. 1940 ließ der neue NS-Eigner die bestehende Atlantis-Kino-Gesellschaft liquidieren und setzte sich selbst als neuen Treuhänder ein. Der lange Weg zur Restitution Bereits 1945 begannen die Verhandlungen um die Restituierung des Besitzes an die überlebenden einstigen Eigentümer:innen, wovon eine, Elsa Epstein, die englische Staatsbürgerschaft hatte, jedoch zu diesem Zeitpunkt in Australien lebte, und die andere, Friederike Selahettin, mit ihrem Sohn und der gemeinsamen Mutter in Los Angeles lebte. Eine weitere Verwandte, Alice („Liesl“) Kaufmann, lebte in Wien und trat „als Vertreterin der Frau Elsa Epstein“ in die Verhandlungen ein. Ebenso lebte eine weitere Verwandte, die damals 24-jährige Nichte Susanne Epstein-Tscharré, in Wien, die vorerst 1945 mit einer Vollmacht des „Bundes der österreichischen Lichtspieltheater“ – jedoch gegen den Willen der beiden ehemaligen Besitzerinnen und ohne deren Vollmacht – die provisorische („kommissarische“) Leitung des Kinos übernahm. Eröffnet wurde das Atlantis Kino, das seit der NS-Zeit Atlantis Lichtspiele hieß, mit Willi Forsts Burgtheater (A 1936), einem der einst populärstn österreichischen Vorkriegsfilme, dessen Besetzung allein eine kleine Studie verdienen würde: Während Werner Krauß, Erik Frey, Hans Moser, Karl Skraup, O. W. Fischer und Maria Holst auch während des NS-Regimes in Deutschland bzw. Östrreich blieben und hier teils und sich hier in vielen Fällen als aktive Unterstützer der NS-Ideologie betätigten, emigrierten andere, darunter Hortense Raky, Willy Eichberger, Karl Paryla, und kehrten nur vereinzelt wieder nach Wien zurück. Eichberger starb 2004 in Brentwood als US-Bürger als Carl Esmond. 1947 sollte auf Wunsch der Eigentümerinnen Karl Frailer als neuer öffentlicher Verwalter auf Kaufmann folgen, wie aus einem Schreiben von Elsa Epstein von 28. Februar 1947 hervorgeht. Frailer war bereits vor dem Krieg bei Elsa Epstein und deren Mann Geschäftsführer und Prokurist des Löwen und Maria-Theresien-Kinos in Wien gewesen. Gegen den einstigen „Ariseur“ Wilhelm Lauer war nach Kriegsende eine Verfahren beim Volksgericht Wien anhängig. In einem ausführlichen Brief an „Susi“ (Susanne) Tscharré von 5. März 1947 argumentierte Elsa Epstein ihren Schritt, u. a. mit dem Hinweis, dass sie und „Frau Selahettin“ die Vollmachten für das Kino übernommen bzw. auf eigenen Wunsch hin an Frailer übergeben hatten. Epstein ging darin auch auf „die Zeit meines schwersten Elends, als Hitler nach Wien kam und ich durch 12 Wochen eingesperrt war“, und ihr Flucht ein. Interessant ist ein „Amtsvermerk“ des Bundesministeriums für Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung aus dem März 1947, in dem von „Steuerhinterziehungen“ durch die ehemaligen jüdischen Besitzerinnen gesprochen wird und deutlich gegen eine Übergabe der Kinos in die Verwaltung der ehemaligen Eigentümerinnen Stellung genommen wird. Übernahme der Konzession durch die KIBA Im Dezember 1947 wurde das Kino – vertreten von den beiden Besitzerinnen (Selahettin wurde dabei vertreten durch Frailer) sowie Susanne Epstein-Tscharré (als kommissarische Leiterin zugleich „Vertreterin“ von Wilhelm Lauer) – an den „Kriegsopferverband für Wien, Niederösterreich und Burgenland“ (Konzession) und die KIBA als „Pächter und Programmierer“ übergeben. Mit demselben Dokument wurde auch das Maria-Theresien-Kino in die Pacht der Kiba übergeben. Damit traten die einstigen Kinoinhaberin nicht mehr in ihren Kinobetrieb ein, sondern die Stadt Wien (KIBA). Erst am 29. Dezember 1947 folgte die Abberufung Tscharrés und der Eintritt Frailers als öffentlicher Verwalter des von nun an verpachteten Kinos. In einem Rechtsstreit mit einer Nachbarin im Jahr 1948, bei dem es um die Schließung der Nebeneingänge des Kinos ging, wurde weiterhin der ehemalige „Ariseur“ Wilhelm Lauer unter den Vertreter:innen des Kinos genannt (Lauer seinerseits nun vertreten durch Dr. Heinrich Glaser). Erst im Juni 1948 wurde Lauer, der sich zu diesem Zeitpunkt an einem „unbekannten Aufenthalt“ aufhielt, mit einem „Teilerkenntnis“ zur Rückstellung des Kinos an den „Liquidator“ Karl Frailer aufgefordert. In einer Mitteilung von 12. August 1948 hieß es, Lauer sei mit Teilerkenntnis von 28.5.1948 dazu verurteilt worden, „das Atlantis-Kino mit sämtlichen Rechten, der gesamten Einrichtung, allem Zubehör, der Apparatur und den Mietrechten sofort bei Exekution an die ‚Atlantis-Kino Ges.m.b.H.‘ i. L. zurückzustellen“. Am 4. August 1948 hieß es in einem Schreiben der Kammer der gewerblichen Wirtschaft für Wien an den Magistrat der Stadt Wien: „Mit Rücksicht auf das Teilerkenntnis der Rückstellungskommission vom 28.5.48, wonach dieser Kinobetrieb der Atlantis Ges.m.b.H. zurückzustellen ist, wird der Aufhebung der öffentlichen Verwaltung und der Enthebung des bisherigen öffentlichen Verwalters Herrn Karl Frailer zugestimmt.“ 1956 erhielt das Atlantis Kino eine Breitwand- und CinemaScope-Anlage und musste für dessen Einbau von 20. Juli bis 17. August des Jahres geschlossen werden. Der erste hier gezeigte CinemaScope-Film war Picknick von Joshua Logan mit Kim Novak und William Holden (USA 1955). 1958 wurde noch Elsa Epstein als Eignerin gelistet, 1967 nur noch Friederike Selahettin, die Mitte der 1950er-Jahre mit ihrem Sohn und ihrer Mutter nach Wien zurückgekehrt war. Schließung und Nachleben als Theater Nach der Schließung des Kinos im Jahr 1970 - der letzte hier gezeigte Film war Henri Verneuils Der Clan der Sizilianer (F 1969) - waren hier zeitweise eine Diskothek, ein Supermarkt und ein jugoslawischer Boxclub untergebracht. Seit 1995 befindet sich an der Stelle des einstigen Kinos das Theater Scala des 1987 vom österreichischen Regisseur und Theaterleiter Bruno Max gegründeten freien Ensembles Theater zum Fürchten. Übernahme und Namensgebung 1987 gründete der in Salzburg geborene österreichische Regisseur, Schauspieler und Autor Bruno Max das freie Ensemble Theater zum Fürchten (TZF). Die Gruppe spielte vorerst an unterschiedlichen Spielorten in Wien, daneben auch in den Gewölben unter Schloss Liechtenstein in Maria Enzersdorf und von 1991 bis 1993 im ehemaligen Non Stop Kino (ab 1972: Residenzkino) im Wiener Messepalast (seit 2000: MuseumsQuartier). 1995 fand die freie Gruppe in den leer stehenden Räumen des ehemaligen Atlantis Kinos eine feste künstlerische Heimat. Den Namen „Scala“ wählte Max wiederum bewusst in Anlehnung an das von ihm bewunderte einstige Neue Theater in der Scala, das von 1948 bis zur Zwangsschließung im ehemaligen Johann Strauß Theater in der Favoritenstraße 8 (1040 Wien), dem späteren Großkino Scala, beheimatet war und im Zuge des „Brechtboykotts“ und einsetzenden Kalten Krieges trotz herausragender Leistungen des Ensembles beendet werden musste. 1998 folgte die Übernahme des Mödlinger Stadttheaters als zweite Spielstätte. Seit 1999 spielt das Ensemble jeden Sommer zudem im Theater im Bunker in den ehemaligen Luftschutzstollen der Stadt Mödling. Der längliche Saal des einstigen Kellerkinos und heutigen Theaters, das im Status einer Wiener Mittelbühne angesiedelt ist, misst ca. 33 x 11 Meter und verfügt über eine Galerie. Quellen und Links Wiener Stadt- und Landesarchiv (WStLA), M.Abt. 119 A 27/1 – K 1-K13, K7: Atlantis Lichtspiele whoknowspresents.blogspot.com www.theaterscala.at www.theaterzumfuerchten.at Foto 1: Wien Geschichte Wiki Foto 2: Neues Wiener Tagblatt, 26.11.1920. < zurück |