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Gründung und Eröffnung
Auch das von Architekt Wilhelm Koch geplante Margaretner Bürgerkino zählte, obwohl im Vergleich zum Kino Zentral oder zum Busch Kino eines der kleineren der Stadt - von Anbeginn zu den erfolgreichsten. Bereits bei der Einreichung zur Schaffung eines Kinos wurde auch auf die musikalische Begleitung der Filme Wert gelegt. So finden sich in den Konzessionsunterlagen Informationen über die Errichtung eines drei mal fünf Meter langen Holzpodestes seitlich der Leinwand, auf der der engagierte Sologeiger zur Filmbegleitung spielte. Am 2. Dezember 1913 eröffnete Elise Koppmann, die sich bereits seit 1911 um die Konzession für das Kino bemüht hatte, das Margaretener Bürger-Kino mit Robert Dinsens Die Tochter des Leuchtturmwärters.
Koppmann hielt das Kino in den folgenden Jahren, ehe 1917 Franz Popp neuer Konzessionär wurde. Ihm folgten Arnold Kolb, dem auch das Gebäude selbst zur Hälfte, neben seinem Bruder Rudolf, gehörte.

Mit der Einführung des Tonfilms am 29. August 1930 änderte das Kino auch seinen Namen und nannte sich von nun an Margaretener Bürger-Tonkino.

NS-Zeit
Das Margaretener Bürger Kino war bis März 1938 in Besitz der Brüder Rudolf und Arnold Kolb (zu je 50 %).
1938 wurde das Kino von Franz Hierzenberger (Jg. 1903) und dessen Bruder „arisiert“, zu den beiden trat bald darauf auch Amalie Triml als weitere Gesellschafterin des Betriebes.

Franz Hierzenberger war bereits seit 1932 illegales Parteimitglied, Untersturmführer der Standarte 59, sein Bruder Raimund war schon 1931 der NSDAP beigetreten. Als Kaufpreis für das Kino, das mit über 80.000 RM veranschlagt wurde, wurden 12.000 RM festgesetzt, wobei ein Teil davon zur „Bezahlung von Schulden“ verwendet wurde, für die die jüdischen Besitzer belangt wurden.
In der Folge klagte zudem Hermine Bespalez ihrerseits Beträge aus dem Kino ein, da sie nach eigenen Angaben an die Reichsfilmstelle das Kino auf 2,5 Jahre von Kolb übernommen hatte, sodass dieses auch mit dieser Forderung belangt wurde. Wie aus einem umfangreichen Revisionsbericht des Buchführungsbüros Fritz Schuler hervorgeht, hatten die „Ariseure“ letzten Endes durch die Übernahme und die Leitung des Kinos bis 1945 einen mehrere Hundert RM umfassenden Reingewinn gemacht.

Besitzverhältnisse während des Krieges
am März 1938: Franz Hiertzenberger (50 %), Raimund Hiertzenberger (25 %), Gottfried Hiertzenberger (25 %)
ab 1939: Franz Hiertzenberger (45 %), Raimund Hiertzenberger (20 %), Gottfried Hiertzenberger (20 %), Amalie Triml (15 %)
Die einstigen Eigentümer, Arnold und Rudolf Kolb, wurden gemeinsam mit ihren Ehefrauen, Alice und Margarete Kolb, nach Minsk bzw. Maly Trostinec deportiert und ermordet.

Frühe Nachkriegszeit 1945 bis 1947

Mit Kriegsende im Frühling 1945 gelangte das Kino „mit Dekret der American Property Control“ in die öffentliche Verwaltung von Margarethe „Grete“ Haidinger (Jg. 1900).
Franz Hierzenberger war zu diesem Zeitpunkt „unbekannten Aufenthaltes uns soll sich zurzeit in einem SS-Gefangenenlager befinden“.
Am 28. Juli 1945 kam es zum Einsturz eines Teils des Gebäudes, das bei einem Bombenangriff stark beschädigt worden war, dabei auch zu Teilen des Kinos. Im Jahr darauf begrub eine Feuermauer, die während des Sturmes vom 28. Juli auf das Kinogebäude herabbrach, mehrere Besucher, zwei Menschen starb an ihren Verletzungen. Das Kino musste danach neu errichtet werden, wobei die damaligen Pläne vom Architekten Wilhelm Koch und Baumeister Wilhelm Zech stammten. Das Kino konnte am 12. April 1946 erst wieder seinen Spielbetrieb aufnehmen.

Ende 1947: Eintritt der KIBA als neue Konzessionärin
Haidingers Verwaltungstätigkeit endete im Mai 1947. Dennoch blieb sie wohl auch danach im Betrieb und schloss ihrerseits Ende 1947/Anfang 1948 einen Pachtvertag mit der KIBA als neuer Konzessionärin des Betriebes, ohne dies jedoch mit dem Wiener Magistrat, M.Abt. 69, abzusprechen, was zu einigen Schwierigkeiten führte, als ihre Nachfolgerin, Hermine Tonello als Vertreterin der Erben der verstorbenen ehemaligen Eigentümer (Schwester der ermordeten Margarete Kolb, geb. Tonello) das Kino übernehmen wollte.
Schließlich konnte Tonello ihre Tätigkeit aufnehmen – und ihrerseits einen Pachtvertrag mit der KIBA als nunmehriger Konzessionärin des Kinos abschließen.

Das Rückstellungsverfahren dauerte weitere drei Jahre an, im Oktober 1948 wurde Franz Hierzenberger mit Urteil des Volksgerichtes Wien zum Verfall seines Vermögen sowie zu 2,5 Jahren „schweren Kerkers“ verurteilt, das Kino wurde im Zuge dessen der Republik Österreich übergeben, Hermine Tonello als öffentliche Verwalterin abberufen.
Gegen den Verfall ihre Eigentums und dessen Rückstellung zugunsten der Republik legten ihrerseits die Erben der einstigen Eigentümer Berufung ein.
Erst im Jänner 1950 kam es zu einem abschließenden Vergleich mit den überlebenden Erben der einstigen Eigentümern, Erich Egon Kolb, New York, und Hans Georg Kolb, Long Island, und den drei „Ariseur*nnen“, Gottfried Hierzenberger, Raimund Hierzenberger und Amalia Trimmel.
Weitere Inhaber:innen waren Method Adamik jr. von 1954 bis 1967 (Konzession: KIBA), der das Kino von Architekt Albrecht F. Hirzan neuerlich umgestalten ließ und ihm sein bis heute bestehendes Erscheinungsbild gab. Adamik war bis 1960 auch Geschäftsführer des Kinos, ehe ihm für weiter sieben Jahr sein Sohn Ernst folgte.
Gertrude Johanna Wachsmann leitet den Betrieb danach von 1967 bis 1979. 1970 überließ die KIBA die Konzession für das Kino zudem an Wachsmann, ehe diese den Betrieb 1979 schließen musste.
In den folgenden Jahren betrieb ein jugoslawischer Kulturclub die Räume.

Revitalisierung und Wiedereröffnung 1989
1989 wurde das Kino von den beiden Architektinnen Elsa Prochazka unds Silvia Selich im Auftrag der Volkshochschule Margareten aufwendig im Stil der 1950er-Jahre revitalisiert und am 21. September 1989 mit Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltall wiedereröffnet.
Seither ist die Filmcasino & polyfilm Betriebs GmbH sowohl Inhaber wie Konzessionärs des bis heute bestehenden Kinobetriebs, 2018 wurde von den neuen Betreibern auch das Kino am Spittelberg übernommen.