< zurück

Gründung und Bau
Am 1. Juni 1890 beschlossen die Mitglieder des 1890 gegründeten (Statuten: 23. März 1890, Präsident Josef Nesbeda) Wiener Volkstheatervereins den Bau des Raimundtheaters, um einem breiten Besucherkreis vor allem aus den unteren Volksschichten zu billigen Preisen Wiener Volksstücke zu bieten. Das für den Bau benötigte Kapital von einer halben Million Österreichischer Gulden sollte von den Vereinsmitgliedern und durch Darlehen von jeweils 400 Österreichische Gulden durch eine Gruppe von "Gründern" aufgebracht werden, bis Mitte November 1890 waren jedoch nur wenige Beträge eingegangen.

Als Standort war ursprünglich das Areal in der Neustiftgasse 44 (1070 Wien) vorgesehen. Erst durch den Verkauf eines wesentlich größeren Platzes in Mariahilf durch den Zimmermeister Ludwig Sturany nahm das dortige Projekt konkrete Formen an. Am 25. Juli 1891 suchte der Verein bei der niederösterreichischen Statthalterei um die Bewilligung zur Errichtung eines Theaters in Mariahilf an. Am 5. Dezember 1891 änderte der Verein seinen Namen in "Raimund-Theater-Verein" und bestellte einen neuen 21-köpfigen Ausschuss, zu dem u. a. als neuer Präsident Stadtrat Franz Rückauf sowie als literarischer Beirat Adam Müller-Guttenbrunn ernannt wurden. Nach der Statutenänderung und Bauplankorrektur reichte der Vereinsvorstand am 9. September 1892 erneut um die Baubewilligung ein.

Franz Roth von der Asphaleia-Gesellschaft, die in Wien noch kein Theater gebaut hatte, entwarf kostenlos Pläne. Das Asphaleia-System war nach dem Ringtheaterbrand, der im Theaterbau strenge Sicherheitsvorschriften auslöste, von zwei Wienern, dem Ing. Gwinner und dem Dekorationsmaler der Hoftheater Johann Kautsky (dem Schwiegervater Roths), erdacht worden; es ersetzte das bis dahin übliche Holz als Baustoff durch Eisen und brachte eine Reihe von Verbesserungen in der Bühnenmaschinerie. Das erste Theater, das mit diesem System erbaut worden war, war das neue Opernhaus in Budapest; bei den Wiener Theaterbauten nach 1881, dem Burgtheater und dem Deutschen Volkstheater, wurde es hingegen noch nicht angewendet. Das Raimundtheater wurde so das erste "Asphaleia-Theater" in Wien.

Nach langen Verhandlungen, die eine Reihe von Veränderungen des ursprünglichen Roth'schen Bauplans betrafen, erfolgte am 22. Februar 1893 die Baubewilligung (Nesbeda war inzwischen gestorben). Am 27. März 1893 wurde mit dem Bau begonnen, am 14. April 1893 wurde Adam Müller-Guttenbrunn zum verantwortlichen Direktor bestellt.

Das am 27. Oktober 1893 mit Ferdinand Raimunds Stück Die gefesselte Phantasie eröffnte freistehende späthistoristische Theater hatte seine Hauptfassade schräg zur Wallgasse hin, einen halbkreisförmigen, schlichten Zuschauersaal mit zwei das Parkett überragenden Rängen und muschelförmig gewölbter Decke sowie seitliche Stiegenhäusern; der anschließend Bühnentrakt wies ein erhöhtes, rechteckiges Bühnenhaus auf, und auf dem Balustradenbalkon stand eine Büste Ferdinand Raimunds von Johannes Benk. Erst ein Monat nach der Eröffnung, am 25. November 1893, erteilte der Magistrat den Benützungskonsens (Schlusssteinlegung) und am 27. November der niederösterreichische Statthalter die definitive Spielbewilligung.

In den ersten drei Jahren leitetet Adam Müller-Guttenbrunn das Haus, in dem in den vorrangig Sprechstücke, vor allem aus dem Volkstheaterrepertoire, von Anzengruber, Raimund und Nestroy, gezeigt wurden. Nach nur drei Jahren übernahm der Autor Ernst Gettke das Theater und brachte von da an vorrangig französische Komödien und Schwänke sowie Operetten.
Ab 1908 wurde das Raimundtheater im Verbund mit dem Deutschen Volkstheater geführt. Von 1921 bis 1924, damals leitete Rudolf Beer das Haus, wurden hier neuerlich ausschließlich Sprechstücke programmiert sowie eine Reihe von literarischen Experimenten begonnen.
SchauspielerInnen wie Hansi Niese, Paula Wessely und Attila Hörbiger oder Karl Skraup spielten in den ersten Jahren ebenso an diesem Haus wie Adele Sandrock oder Eleonora Duse, die hier für Gastspiele engagiert wurden.

Im Verlauf der für alle Wiener Privattheater existenziell kritischen 1930er-Jahre bestand einige Zeit der Plan, aus dem Raimundtheater sowie der Neuen Wiener Bühne in der Wasagasse zwei Großgaragen zu machen (vgl. Prosl 1949, S. 112).

Nach 1945 - von 1948 bis 1976 leitet Rudolf Marik das Haus -, erlebte das Raimundtheater als Operettenbühne seine finanziell bis dahin beste Zeit. Ab den 1970er-Jahren wurden hier auch schon zeitweise Musicals gegeben. 1984/85 wurde das Haus generalsaniert, ab 1987 gehörte es gemeinsam mit dem Theater an der Wien und der Wiener Ronacherbühne zum Verbund der Vereinigten Bühnen Wien und wird seither vorrangig als Musical- und Operettenbühne genutzt.

Zu den Produktionen der letzten Jahre gehören u. a. Die Schöne und das Biest, Tanz der Vampire, Wake up (UA), Barbarella (UA), Romeo und Julia (dtspr. EA) sowie Rebecca (UA).

1985 wurde der alte Hauptvorhang, Raimund umgeben von Motiven aus seinen Stücken von Julius Schmid von 1893, restauriert und auf den Eisernen Vorhang übertragen. In den Wandelgängen des ersten Rangs Büsten von Kálmán und Stolz sowie eine Gedenktafel mit Porträtrelief von Rudolf Marik, im zweiten Rang Büsten von Lehár und Eysler.