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Um 1900 tourten gleich mehrere „Royal Biographen“ durch Österreich: In der Steiermark war vor allem das Ehepaar Auguste und Ferdinand Seitz unterwegs. Bereits 1896 hatte auch Franz Josef Oesers seinen „Royal Biograph“ gegründet, mit dem er in ganz Österreich auftrat, ehe er sich 1914 in Wien sesshaft machte und das Augartenkino eröffnete. Und mit Heinrich Hirdts „Royal Biograph“ auch ein prominenter deutscher Kinounternehmer in Wien zu Gast. Hirdt hatte 1896 bei Pathé in Paris angefangen, richtete bald darauf bereits Kinos in ganz Deutschland ein und war im Laufe seiner Karriere in fast allen Sparten des Filmwesens tätig. 1904 ließ er sein bis dahin orientalisch dekoriertes Wanderbetrieb in ein Jugendstilkino umwandeln und gastierte in diesem Jahr auch beim Münchner Oktoberfest. Christoph Zuschlag schreibt in Jugendstil in der Pfalz genauer über den „Kaiserslauterer Kinounternehmer Heinrich Hirdt […], der zusammen mit seinen Söhnen im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in zahlreichen Städten ,ständige Kinematographentheater‘ unterhielt, so etwa in Frankfurt, Kaiserslautern, Landau Ludwigshafen, Metz, Neunkirchen, Neustadt, Oberstein und St. Johann. Darüber hinaus betrieb er aufwändig gestaltete Wanderkinos, mit denen er auf Volksfesten, Jahrmärkten und Messen gastierte. Abbildungen dieser mobilen Gebäudefinden sich aufs einen Briefköpfen. Hierzu schreibt Joseph Garncarz: ,Heinrich Hirdt, der erst 1906 vom Magistrat eine Zulassung erhielt, bewarb sich 1904 und 1905 erfolglos um einen Platz auf dem Oktoberfest. Die Briefköpfe seiner Bewerbungsschreiben zeigen die Theaterbauten, mit denen er nach München kommen wollte. Der erste Bau hat eine Grundfläche von 208 Quadratmetern, der zweite von 225. Die Innovation des neuen Theaterbaus bestand nicht in der nur geringfügigen Zunahme der Größe, sondern in dem vollständig anderen Design des Kinos. Das Wanderkino vom März 1904 gleicht einem orientalischen Palast mit Minaretten und Kuppeln, während das Kino vom Oktober 1904 ein Gebäude im modisch-dekorativen Jugendstil zeigt.‘ Der zuletzt genannte Bau ist auf einem Foto überliefert, dass im Briefkopf eines Schreibens vom 12. Januar 1905 im Stadtarchiv Speyer erscheint. […] Mit diesem Jugendstil-Wanderkino gastierte Heinrich Hirdt in den Jahren 1905 bis 1909 unter anderem auf den Speyerer Messen. Von 1909 bis 1910 betrieb Heinrich Hirdt im alten Stadttheatersaal im heutigen Alten Kaufhaus in Landau ein Kino unter dem Namen ,Corona-Theater‘. In einem Brief Heinrich Hirdts an das Königliche Bezirks-Amt Landau vom 13. Juli 1909 betreffend ,Gesuch des Kinematographenbesitzers H. Hirdt aus Kaiserslautern um Genehmigung zur Inbetriebnahme eines ständigen Kinematographentheaters‘ schreibt er, dass er ‚schon seit Jahren den Kinematographenplatz auf den Jahrmärkten der Stadt Landau gepachtet habe‘ […].“ Auch in den folgenden Jahren war Hirdts großer Familienbetrieb mit seinem Kinozelt am Münchner Oktoberfest zu Gast, 1906 präsentierte er dort ein klug konzipiertes Programm mit Filmen aus München, darunter sogar eine filmische Dokumentation des Oktoberfest-Umzuges. 1907 hatte er, hieß es über den vielseitigen Entrepreneur, bereits drei „ambulante“ Kinematographen, einen „Zirkus-Kinematographen“ und „mehrere ständige Theater“. Im Frühjahr 1907 war Hirdt endlich auch in Wien zu Gast. So hieß es in der Illustrierten Kronen Zeitung: „The Royal Biograph […] bringt bei dem dieswöchigen Serienwechsel des Riesenprogramms ganz neue und hochinteressante Darbietungen.“ (Illustrierte Kronen Zeitung, 10.03.1907, S. 22) Hirdts Mariahilfer Standort befand sich in einem (nicht erhaltenen) „eigens errichteten Prachtbau“ und sollte die nahe stationierten Soldaten sowie die Gumpendorfer Lokalbevölkerung mit wöchentlich neuen Attraktion gewinnen. „Das Höchste auf dem Gebiete der Kinematographie“ versprachen die Ankündigungen. „Täglich große brillante Vorstellungen“ und „sensationelles Programm“ mit wöchentlichem Wechsel an den Samstagen. 150 Film hatte der deutsche Kinobetreiber im Programm und konnte so von März bis Mai die beworbenen Wechselschauen anbieten. So wurde im Deutschen Volksblatt aus dem „erlesenen Programm“ Ende März folgende „Serien“ angepriesen: Durch das Pferd gerettet, Das Kind als Friedensrichter, Der Sohn des Teufels und „der allerneueste Schlager“ Der explodierte Panzer ,Jena‘, die Katastrophe von Toulon. Man versprach am Ende des Gastspiels sogar, im Herbst wiederzukehren. Doch die rasante wachsende Konkurrenz an festen Wiener Kinostandorten führte dazu, dass Hirdt nicht mehr nach Wien zurückkehrte. Im Juli 1907 war Hirdts Gastspiel in Aschaffenburg derart erfolgreich, dass man Zusatzvorstellungen anbieten musste. (Kinematographische Rundschau, 15.07.1907, S. 4) Am 1. Oktober 1907 schrieb „–pp.“ in der Kinematographen Rundschau, dass Hirdts Firma zu den „ersten ihrer Branche“ zählte. Und auch „hinsichtlich der Leistungsfähigkeit ist vorgenannte Firma von Anfang an mit an der Spitze gewesen und hat in Wien, Prag, Olmütz und anderen Plätzen Österreichs große Erfolge erzielt. Sie gedenkt, noch weitere, besonders ständige Theater zu errichten und in absehbarer Zeit ein Filmfabrikation zu installieren.“ Für den ersten festen Kinostandort wählte Hirdt Neunkirchen an der Saar (Kinematographen Rundschau, 01.10.1907, S. 2 f.), doch schon ab Dezember 1907 ist ein stehendes Kino Heinrich Hirdts nur noch in Kaiserslautern ausgewiesen. (Um welchen der „Royal Biographen“ es sich beim Salzburger Gastspiel im Oktober 1907 handelte, ist umso schwieriger, in der Rückschau mit Gewissheit zu bestimmen. Vgl. Kinematographische Rundschau, 01.10.1907, S. 3) 1911 findet sich Hirdts Name in Zusammenhang mit einem Kino in Metz. Noch Ende der 1940er-Jahre leitete Heinrich Hirdt die „Filmburg“ in Augsburg, die er 1949 an seinen Nachfolger übergab. Quellen Joseph Garncarz: Jahrmarktkino – Eine europäische Institution. In Sacha Szabo (Hg.): Kultur des Vergnügens. Kirmes und Freizeitparks – Schausteller und Fahrgeschäfte. Facetten nicht-alltäglicher Orte. Bielefeld 2009, S. 129. Anna Katholnig: Filme unter Sternen: Freilichtkino als hybrides Dispositiv. Dipl. Univ. Wien 2015, S. 88. Christoph Zuschlag: Jugendstil in der Pfalz, https://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/9239/1/Zuschlag_Jugendstil_in_der_Pfalz_2017.pdf. Joseph Garncarz: Marketing im frühen deutschen Kino, 1895–1907, online: https://mediarep.org/server/api/core/bitstreams/96d6f753-0f17-4bd2-8fbc-721e5474a657/content. Britta Schorr: Frühes Kino in St. Avold – ein Beitrag zur lokalen Mediengeschichte Lothringens. Dipl. Univ. Trier 2007, S. 70, online: https://ubt.opus.hbz-nrw.de/opus45-ubtr/frontdoor/deliver/index/docId/285/file/SchorrBritta_Magisterarbeit2007.pdf. https://derive.at/texte/ein-urbaner-mythos/. < zurück |