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zuletzt aktualisiert: 05.12.2025
Zitierweise: Angela Heide: Albert Kino. In: www.kinthetop.at/forschung/kinthetop_8_ArkadenKino.html
(zuletzt eingesehen am Tag.Monat.Jahr)

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Das kleine Josefstädter Kino Vitaskop wurde 1908 als Laden- bzw. Eckkino eröffnet. In den ersten Jahren seines Bestehens fasste es keine 100 Zuseher:innen, wurde jedoch kontinuierlich umgebaut und erweitert. 1924 übernahm Adele Kazda , die späteren Angaben nach bereits ab 1921 im Betrieb tätig gewesen war, dessen Leitung von Franz Ebmacher und erhielt auch die Kinokonzession.
Kazda wurde am 10. November 1880 als Adele Schindler als Tochter des Bauunternehmers Ferdinand Schindler und dessen Frau Aloisia (geb. Gottweis) in Wien-Währung geboren und war seit 1899 mit dem Architekten Johann „Hans“ Kazda verheiratet.
In ihrem späteren Antragsbogen zur Aufnahme in die NS-Reichsfilmkammer hielt Adele Kazda fest, dass sie als „eheliche Tochter“ geboren worden war, fünf Jahre lang die Volksschule und danach weitere drei Jahre die Bürgerschule besucht hatte, ehe sie für weitere drei Jahre in die Fortbildungsschule Neuhaus am Inn wechselte. Nach ihrer Heirat in der Votivkirche mit dem Wiener Stadtbaumeister Hans Kazda wurden ihre Kinder Hans (1900), Grete (1903), Adele (1907) und Herbert (1913) geboren. Hans Kazda war von 1916 bis 1918 „als Feldwebel bei der Artillerie (Türkei) eingerückt“, fand jedoch nach Kriegsende keine Anstellung mehr und suchte so 1921 um das Kino an, wobei von Beginn an nicht er, sondern seine Frau als Lizenzinhaberin, ab 1926 als Konzessionärin auftrat.
Die neue Eigentümerin erweiterte den Fassungsraum und nannte ihr Kino im August 1927 in Albert Kino um. Im selben Jahr schloss Kazda mit der Hauseigentümerin, Paula Schnobl, einen Bestandsvertrag ab, demnach Kazda das Kino zu den 1914 abgeschlossenen Kondition weitermietete. Das Kino bestand demnach aus dem „Vorführungssaale, dem Operationsraume, dem Warteraum und einem Büro“.
Am 31. Jänner 1931 nahm sich Architekt Hans Kazda „wegen finanzieller Schwierigkeiten das Leben“ (Adele Kazda), sodass Adele Kazda den Betrieb von nun an allein weiterführte und daneben, eigenen Angaben nach, auch für ihre 20-jährige schwer kranke Tochter sowie ihren 17-jährigen Sohn und ihren 20 Jahre alten zweiten Sohn, zu diesem Zeitpunkt arbeitslos gemeldet, sorgen musste. Einzig ihre älteste Tochter, damals 28 Jahre alt, war verheiratet und bereits außer Haus.
Ab dem Sommer 1931 wurden auch in diesem kleinen Bezirkskino Tonfilme gespielt. Im selben Jahr kam es zu einem Exekutionsverfahren gegen die Kinobetreiberin, nachdem sich Kazda wohl Geld für den Umbau geliehen hatte.

NS-Zeit: „nazifizierter“ Betrieb
1939 legte Adele Kazda ihren Antrag um Umbenennung des Kinos auf Albert Lichtspiele vor. 1940 folgte Kazdas Antrag auf Aufnahme in die Reichsfilmkammer. Dessen Begutachtung zog sich über nahezu zwei Jahre, bis 1942. In einem Schreiben der Außenstelle Wien der Reichsfilmkammer an den deren Landesleiter von 31. Mai 1941 wurde nach Monaten des Wartens darum gebeten, die „politische Beurteilung“ von Kazda positiv abzuschließen, da diese ein mäßig gutgehendes Kino leitete, für eine tuberkulosekranke Tochter zu sorgen hätte – und ihr ältester Sohn bereits seit 1931 „Parteigenosse“ wäre. Diesem Schreiben war ein internes Papier der Gauleitung Wien der NSDAP an die Landesleitung vorangegangen, in dem es hieß, Kazda habe „vor dem Umbruch [!] ausschließlich mit Juden verkehrt“, ja, ihre „beste Freundin“ sei Jüdin und Kazdas „gegenwärtige Einstellung zu Staat und Partei […] vollständig interesselos. Sie ist nicht einmal Mitglied der NSV und spendet trotz ihrer guten wirtschaftlichen Lage sehr mäßig.“ Daher, so der damalige Gauamtsleiter, könne er „der Aufnahme als Mitglied in die Reichsfilmkammer […] derzeit nicht zustimmen“. 1942 konnte Kazda die Eingliederung schließlich durchsetzen. Das Kino war zu diesem Zeitpunkt in einer derart katastrophalen finanziellen Situation, dass Kazda nicht nur mit zahlreichen Mahnungen und Forderungen zu kämpfen hatte, sondern schließlich auch mit einer Verleihsperre aufgrund fehlender Zahlungen, mit der Androhung der Aufkündigung ihres Mietvertrages – und mit angedrohten Pfändungen.

1943 bat Kazda um eine Härteregelung, der jedoch nicht stattgegeben wurde. In einem diesbezüglichen behördlichen Vermerk hieß es dazu: „Die Albert-Lichtspiele wurden 1921 von Herrn und Frau Kazda erworben, doch war bei diesem Filmtheater mit 192 Sitzplätzen bereits im Jahre 1931 eine derartige Verschuldung vorhanden, dass sich Herr Kazda das Leben genommen hat. Im Anschluss daran machte sich der Einfluss einer Volljüdin namens Else Feldes im Kino immer mehr und mehr geltend. Die Rückstände erreichten schließlich eine Höhe von ungefähr RM 17.000 beim Finanzamt und RM 22.000 bei der Stadtkämmerei.“ Kazda selbst schilderte im November 1943 diesen „Einfluss“ Else Feldes folgendermaßen: Feldes habe, so Kazda, nach dem Selbstmord ihres Mannes die Situation ausgenützt, „um sich in die Geschäftsführung einzuschalten. Sie verschaffte kleine kurzfristige Kredite, die mir die Möglichkeit gaben, eine Tonapparatur zu erwerben und das Kino den Erfordernissen der Zeit anzupassen.“ Und Kazda setzte noch nach und behauptete weiter: „Sie entwand mir allmählich die gesamte Führung und verstand es, jegliche Buchführung zu unterbinden. Zahlreiche Pfändungen und Versteigerungen wusste sie im letzten Augenblick durch ihre persönlichen Verbindungen zu verhindern, sodass sie ihre Unentbehrlichkeit jederzeit beweisen konnte. Erst der Umbruch in der Ostmark gab mir die Möglichkeit, reinen Tisch zu machen“, dankte Kazda ihrer einstigen Freundin und schloss mit dem Hinweis, nun nach und nach ihre Schulden begleichen zu wollen.
Im Jänner 1943 hieß es in der offiziellen Ablehnung des Antrags durch den Leiter der Außenstelle, Dr. Hammer, dass der „finanzielle Tiefstand“ auf eigenes Verschulden zurückzuführen wäre, der Härteparagraf jedoch nur auf Betriebe angewandt werden dürfe, die „ohne eigenes Verschulden […] so geringe Gewinne verzeichnen müssen […]. Es wird Ihnen anheimgestellt, für Ihren Betrieb einen sachkundigen und finanzkräftigen Teilhaber zu suchen, der den Betrieb wieder in geordnete Bahnen bringt.“
Auch in den folgenden Monaten änderte sich wenig an der katastrophalen Situation des Kinos, sodass sich die Mahnungen der NS-Filmbehörde bis in den Februar 1945 zogen.

Im September 1943 wurde Kazda gedroht, ihren Mietvertrag zu kündigen, nachdem sie mit ihren Mietzinszahlungen über Monate im Rückstand war. Am 8. Juli 1944 hieß es in einem Mahnbrief an die Kinoeigentümerin etwa, sie habe es in den 13 Jahren ihrer Betriebsführung „noch nicht zuwege gebracht, eine ordnungsgemäße Betriebsführung zu erreichen“. Und weiter: „Ihre Betriebsführung ist vielmehr allgemein als unsachgemäß und leichtfertig bekannt.“ Und an anderer Stelle: „Für eine derartige finanziell Misswirtschaft gibt es keine Entschuldigung.“ Am 28. Juli hielt Kazdas Anwalt Dr. Otto Umlauft dem Präsidenten der Reichsfilmkammer gegenüber fest, dass nicht Kazda selbst, sondern ihre schwerkranke Tochter Adele die Geschäftsführung inne gehabt hätte. Am 14. April 1943 starb Adele Kazda jun., sodass erneut ihre Mutter in das Tagesgeschäft einsteigen musste. An ihrer Seite war zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits Ludmilla Haber als Buchhalterin eingestellt worden, in der Hoffnung, die eingefahrene prekäre Situation etwas lindern zu können.

Nachkriegszeit und letzte Jahre
Adela Kazda fungierte nach Kriegsende bruchlos Leiterin des Albert Kinos, das auch nach dem Rückzug der langjährigen Betreiberin in Besitz ihrer Familie blieb.
Ab den Siebzigerjahren wurde es als Programmkino geführt und konnte sich so über die erste und zweite Welle des Wiener Kinosterbens retten. Als das Kino schloss, war es das damals älteste noch bestehende Kino im Bezirk Josefstadt.
1990 wurde es für immer geschlossen, danach erfolgte der Umbau zu einer Filiale der Erste Bank nach Plänen von Boris Podrecca, in die wesentliche Elemente des ehemaligen Kinos übernommen wurden.

Quellen
Wiener Stadt- und Landesarchiv, M.Abt. 104, A11: 8. Albert-Kino
Wiener Stadt- und Landesarchiv, Reichsfilmkammer, Außenstelle Wien, A1 – Kinoakten: 3 Albert-Kino
Wiener Stadt- und Landesarchiv, M.Abt. 471.A3/3: 8. Josefstädter Straße 75 Albert-Kino
Wiener Stadt- und Landesarchiv, Fachverband der Lichtspieltheater, A1: 4 – Albert-Lichtspiele
Werner Michael Schwarz: Kino und Kinos in Wien. Eine Entwicklungsgeschichte bis 1934. Wien: Turia & Kant 1992, S. 230.

Bildnachweise:
Kino 2007: Angela Heide

Plan Vitascop: Wiener Stadt- und Landesarchiv

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