TEXTE

2006

Reform von oben
Kommentar von Ronald Pohl

Seitdem sich die Kulturkämmerer der Stadt Wien einer selbst auferlegten Pflicht zur Theaterreform unterworfen haben, öffnen sie die kommunale Bühnenlandschaft, die zurzeit übrigens von einer entsetzlichen künstlerischen Dürre geplagt wird, bereitwillig dem Zauber der Internationalität. Mit der jetzt erfolgten Nominierung der künftigen Intendanten von Schauspielhaus und "dietheater" wird der ehemals so selbstbewusste Theaterstandort Wien mit der Anbindung an die je wechselnden Strömungslinien des deutschsprachigen Kuratorenwesens endgültig zum bühnentechnischen Verkehrsknotenpunkt geadelt. Ein Prozess, den man im Lichte verpasster Chancen als längst überfällig bezeichnen muss. Bei näherer Betrachtung offenbaren sich freilich noch andere kulturpolitische Nachrüstungstendenzen - auch solche, die den Ursprungsintentionen der Reformintellektuellen schlichtweg zuwiderlaufen. Auch wenn man dem bisherigen Wirken des deutschen Burgtheater-Dramaturgen Andreas Beck, eines ausgewiesenen und kundigen Ermunterers werdender Dramatiker, die Hochachtung nicht versagen möchte: Die bisherigen Prämissen der Theaterreform gingen von den Notwendigkeiten einer so genannten "Basis" aus. Das Durchstoßen einer gläsernen Decke, die den Zugang zu den vergleichsweise besser dotierten "Mittelbühnen" versperrt hielt, schien intentional jenen vor Ort wirksam werdenden "Freien" vorbehalten, die, statt mit einem verordneten Bettel auszukommen, endlich mit zureichenden Subventionen hätten auskömmlich arbeiten sollen. Stattdessen beliefern jetzt halt Großtanker wie das Wiener Burgtheater auch die "Szene" mit personellen Aushilfskräften. Die Reform willfahrt somit den Gesetzen des Marktes: Alles künstlerisch gedeihlich Gute kommt immer noch von oben.
Ronald Pohl in: Der Standard v. 23.11.2006 [Kommentare]


Berliner Pflasterstrand: Neue Intendanzen von Schauspielhaus und dietheater

Mit den Zielen einer "internationalen Vernetzung" wie der "Interdisziplinarität" starten die Neo-Leiter in die Wiener Theaterzukunft

Wien - Die offizielle Präsentation der neuen Intendanzinhaber von Schauspielhaus Wien und dietheater im Wiener Rathaus zeitigte den herrlichsten Zusammenprall Wiener und bundesdeutscher Umgangsformen. Während Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SP) nicht nur unverhohlen zufrieden wirkte, sondern auch die Öffnung des Meidlinger Kabelwerks für (neue) Theaterbehufe in Aussicht stellte - leistete sich einer von zwei frisch gekürten dietheater-Intendanten auch einen liebenswürdigen Podial-Fauxpas. Thomas Frank (33), im Verein mit Haiko Pfost (33) ab Sommer 2007 mit dem Ausbau der dietheater zum "interdisziplinär" wirksam werdenden Koproduktionskomplex beauftragt, wähnte sich gesprächsweise schon einmal "in Berlin". Um sich natürlich sofort zu verbessern - und als Programmierungsleiter der Berliner Sophiensäle keinen Zweifel daran zu lassen, ein quasi europäisches "Netzwerk" von Spezialisten für "nicht literarische Erzählstrategien" in Wien neu zusammenknüpfen zu wollen. Wobei Frank/Pfost, die zum Zeitpunkt der Präsentation erst seit 48 Stunden im Besitz der Erfolgsnachricht waren, sich derweil alle Programmoptionen offen halten. Und eine eingehende "Analyse" der Arbeitszusammenhänge vor Ort in Aussicht stellen. Die da lauten müsste: Findet Imagetanz Eingang in die Produktpalette? Wird man "artists in residence" mit genau umrissenen Erarbeitungsaufträgen in die südlichen Wiener Industrieviertel locken können? Und wie müsste mit vierjähriger Kontinuitätsoption die "Bespielung" einer überwiegend museal ausgerichteten Stadt mit Blick auf Konzert- und auf Künstlerhaustheater tatsächlich aussehen? Das Meidlinger Kabelwerk kann jedenfalls mit der Gewährung eines Bau- und Investitionsgeldes von maximal fünf Millionen Euro durch den Gemeinderat (in hochmögender Mitarbeit durch die Wiener Grünen) rechnen.

Der einfachere Part

Vermeintlich einfacher nimmt sich da die Aufgabe des designierten Schauspielhaus-Intendanten Andreas Beck (41) aus: Dieser wird das angesammelte symbolische Kapital als kundige Hebamme von zu erarbeitenden Stücktexten in der Wiener Porzellangasse ganz einfach neu veranlagen. Dramaturg Beck, der zuletzt im Kasino der Burg wiederholt "Werkstatttage" organisierte und sich dafür vom Stadtrat als "erfahrener Bespieler" einer Mittelbühne bezeichnen lassen durfte, ließ immerhin mit dem Willen zur Schauspielhaus-Ensemblebildung aufhorchen. Und mit der Feststellung, dass es der "österreichischen Dramatik" im internationalen Vergleich nicht gar so gut gehe.
Ein zu bildendes "Rumpfensemble" müsse je nach Bedarfslage mit Gästen aufgepäppelt werden. Beck wird laut eigenem Bekunden eine "Werkraumtradition" fortführen, die im Clinch mit (jungen) Autoren zu Entdeckungen führt.
Ronald Pohl in: Der Standard v. 22.11.2006



Ein Dramengeburtshelfer für die Wiener Porzellangasse

Andreas Beck wird neuer Wiener "Schauspielhaus"-Intendant und folgt Airan Berg nach - Haiko Pfost und Thomas Frank übernehmen gemeinsam dietheater-Leitung

Wien - Noch vor der offiziellen Präsentation durch Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SP) am heutigen Vormittag wurden die neuen Intendantennamen für das Wiener Schauspielhaus wie für den Wiener dietheater-Komplex ruchbar: Ab Juli 2007 folgt der aus Mülheim/Ruhr gebürtige Burgtheater-Dramaturg Andreas Beck (41) Airan Berg als Leiter des Mittelbühne in der Wiener Porzellangasse nach. Dem dietheater-Verbund aus Künstlerhaus- und Konzerthaustheater wird ab kommenden Sommer das Intendantenduo Thomas Frank und Heiko Pfost vorstehen. Mit Beck, einem ausgewiesenen Ermunterer und Förderer zeitgenössischer Stückeschreiber, erfährt das Schauspielhaus die Rückwidmung in ein Ur- und Erstaufführungstheater.

Beck, der Stationen am Bayerischen Staatsschauspiel, am Staatstheater Stuttgart, am Deutschen Schauspielhaus Hamburg sowie an der Burg absolvierte, initiierte diverse Autorenprojekte. Immerhin kann er für sich beanspruchen, an der Wiege der prächtigsten Karrieren gestanden zu sein: Durch seine Hände gingen druckfrische Dramentexte von Roland Schimmelpfennig, Albert Ostermaier, René Pollesch oder auch Dejan Dukovski. In einer ersten Reaktion sprach er davon, Autoren an das Haus binden und ein kleines Ensemble fixer Schauspieler bestallen zu wollen. Thomas Frank verantwortete zuletzt Programm wie Dramaturgie an den Berliner Sophiensälen. Sein Kompagnon Pfost war Intendanturassistent in Hamburg und wirkte als Dramaturg des Festivals Theaterformen 2004 in Braunschweig und Hannover. Zuletzt war er im Auftrag von Intendantin Veronika Kaup-Halser im Rahmen des steirischen herbstes tätig (Campshow Steiermark) - Kaup-Hasler gehörte auch der Jury an, die für beide Häuser das Ausleseverfahren vornahm. In dem Gremium waren unter anderem Frank Baumbauer (Münchner Kammerspiele) und Thomas Zierhofer-Kien (Donaufestival) vertreten. Der dietheater-Komplex soll eine auch finazielle Aufwertung erfahren.
Ronald Pohl in: Der Standard v. 22.11.2006

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