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Das Studio der Hochschulen befand sich von Juni 1945 bis zur Schließung im November 1950 an der Adresse 9., Kolingasse 19.
Es stellte eine der ersten "Alternativen" zum etablierten Theater nach 1945 dar.

Gegründet wurde das Studio von Dr. Friedrich Langer, dem damals 23-jährigen Leiter des Kulturreferats der Interessenvertretung der Studierenden der Universität Wien, die mit einer Vorlesung an der Philosophischen Fakultät wiedereröffnet worden war. Langer begann damit, ein Kontingent an verbilligten Karten für Studierende aufzubauen sowie vier Sachgebiete zu definieren, in denen man sich einbringen konnte: Wissenschaft und Literatur, bildende Kunst, Musik und Theater und Film. Sachbearbeiterin des letzteren Bereichs wurden Hilde Weinberger, bald auch Kurt Radlecker, wobei Weinberger auch die "Arbeitsgemeinschaft Studio der Hochschulen" leitete.

Die ersten Mitglieder wurden durch Aushänge in den Räumen der Universität Wien gefunden. So erinnerte sich Radlecker später in einem Gespräch mit Herbert Lederer: "Beim Inskribieren ist mir ein Taferl ins Auge gefallen: 'Laienspielgruppe des Kulturreferats der Österreichischen Hochschülerschaft'. Da bin ich hingegangen. Es waren schon einige Leute beisammen. Eine Dame hat das besonders vorangetrieben, das war die Doktor Hilde Weinberger."

Das Studio der Hochschulen stellte schon bald eine der ersten "Alternativen" zum institutionellen Theater nach 1945 dar. Schauspielerinnen und Schauspieler der jungen Gruppe aus Studierenden unterschiedlicher Fachbereiche waren unter anderen [[Hildegard "Hilde" Sochor]], Robert Stern und Lona Bubois. In den fünf Jahren seines Bestehens kamen noch eine Reihe weitere, bald prominenter Künstlerinnen und Künstler zum Ensemble, darunter Helmut Qualtinger, Kurt Sobotka, Peter Weihs, Helmut Wochinz, Fritz Zecha, Herbert Fuchs, Walter Langer, [[Bibiane Zeller]], Herta Kravina, Maria Ott, Gerhart Mörtel, Friedrich Haupt, Xenia Hagmann, Hedy Reichel und Annelies Stöckl.

Am 10. Mai 1945 eröffnete das Studentenhaus in der Kolingasse 19 mit Mensa und kleinem Festsaal – das ehemalige Haus der „Gaustudentenführung“, das von der Österreichischen Demokratischen Studentenschaft beschlagnahmt worden war. Und schon am 7. Juni 1945 folgte die dortige Eröffnung des neuen Studios in der Kolingasse.

In der Folge konnten alle Mitglieder Stücke vorschlagen und gemeinsam erarbeiten. Die Produktivität war enorm, und auch die Weiterbildung, etwa in Sprecherziehung und Körperarbeit (Mimik), vor allem durch Hilde Weinberger, wurde wesentlich vorangetrieben. Bald schon kamen prominente Lehrende dazu, u. a. Wolfgang Heinz, der aus dem Exil zurückkam und bei dem u. a. Sochor und Radlecker, Elfriede Trambauer und Alexander Kerszt Unterricht nahmen.
Relativ rasch war ein Großteil der Ensemblemitglieder Schauspielschülerinnen und -schüler, die parallel zur Arbeit am Studio Schauspielunterricht nahmen und die Schauspielprüfung ablegten, sodass es zu eine Professionalisierung des Studios kam, die auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. 1949 hieß es in der Broschüre Zwei Jahre Studio der Hochschulen stolz, man könne "mit Genugtuung feststellen, daß wir einen nicht unbedeutenden Beitrag geliefert haben: Experimentelles Neuland in theatralischer Gestaltung und dramatischem Schaffen, literarisch wertvolle Werke der Weltliteratur und die Stimmen der jungen zeitgenössischen Generation – das sind die bestimmenden Komponenten unseres Spielplans."

Friedrich Lang blieb die zentrale Figur des Studios, seine Stellvertreter wechselten hingegen jährlich: 1945/1946 Alois Haderer, 1946/1947 Fritz Werani, 1947 bis 1949 Peter Hentschel und zuletzt 1949/1950 Erich Neuberg. Ab 1948 war Langer jedoch nur noch im "Nebenberuf" hier verantwortlich, wechselte er doch in diesem Jahr in das Wiener Stadtratsbüro von Dr. Viktor Matejka, wo er von nun an als Theaterreferent fungierte und damit den bisherigen Berater, Hans Horak von den Kammerspielen, ablöste.
Weitere junge Regisseure wie Kurt Julius Schwarz, Michael "Mischa" Kehlmann und Helmut H. Schwarz stießen zum Ensemble. Kehlmann und Helmut H. Schwarz übernahmen gemeinsam mit Neuberg bald nach Langs informellem Abgang die künstlerische Leitung in Form eines "dramaturgischen Ausschusses".

Auf dem Spielplan standen Klassiker wie Goethes Stella und Faust, Shakespeares Antonius und Kleopatra und Ein Wintermärchen, Georg Büchners Wozzek und Leonce und Lena, Stücke von Johann Nestroy, Hermann Bahr, Ferdinand Bruckner, Anton Wildgans, Carl Sternheim und J. B. Priestley. Bald schon tauchten auch neue Stücke der Zeit im Spielplan auf, etwa Radleckers Gegen Agamemnon, Michael Kehlmanns Die entscheidende Stunde und Die 25. Stunde sowie dessen "Kabarettrevue" Wir stellen fest, Hans Weigels "Phantasie" Die Erde sowie Rabindranath Tagores Chitra und Das Posament.


Fusion und Umbenennung im Jahr 1949
1949 fusionierte das Studio der Hochschulen mit dem aus der "Szene 48" entstandenen Ensembles "Theater der 49" und nannte sich in "Studio in der Kolingasse" um. "Damit sollte der letzte Geruch von amateurhaftem 'Gaudeamus igitur' getilgt werden", erinnerte sich Herbert Lederer 1986 in seiner Geschichte der Wiener "Kellerbühnen" Bevor alle verweht ....

Während ein Teil des Ensembles rund um Walter Davy, Schwarz und Erich Neuberg als Theater in der Kolingasse blieb, zogen andere Mitglieder weiter und gründeten rund um Trude Pöschl im Jahr 1949 Das Experiment. Theater der 49 im Keller des Konzerthauses (1030 Wien).
Am 2. Dezember 1949 fand hier die Premiere von Ödön von Horvaths Die Unbekannte aus der Seine in der Regie Kurt Radleckers statt. Kurt Sobotka schreibt dazu in seinen Lebenserinnerungen, es sei die "deutschsprachige Uraufführung" gewesen. Der Wiener Sessler-Verlag verweist demgegenüber auf die UA in Linz 1947.
"Trotz allem, oder vielleicht gerade deshalb, war es 'Ein großer Abend für das Studio!' Ich weiß noch, dass wir damals das Stück auf einer extremen Schräge spielten. Der Bühnenboden fiel zum Zuschauerraum hin sehr steil ab. Das galt 1949 als sehr modern." (Kurt Sobotka, Wenn ich mich recht erinnere ..., Wien 2003)

Von da an wurde täglich, sieben Mal in der Woche, Theater gespielt.

Es folgten Shakespeares Komödie der Irrungen in der Bearbeitung Hans Rothes und Salomon Rappaports Dibbuk in der Leitung von Walter Davy und mit der Musik von Gerhart Rühm.
Franz Tassié hob anlässlich der Premierenbesprechung in der Weltpresse vor allem die Leistung Davys hervor: "Wenn nicht alles trügt, gehört Walter Davy zu den Auserwählten seines Faches. Ich schreibe die Worte im Bewusstsein nieder, dass sie eine Karriere beinträchtigen können, denn wir leben in einer heimtückischen Stadt, in der die Mittelmäßigkeit allen Platz gepachtet hat und das Talent, das viele Talent, in Einsamkeit irrt."

Mit der Zeit wurden sogar mehrere Stücke parallel an unterschiedlichen Orten gespielt, so dass sich auch das Ensemble stetig erweiterte.
Doch interne Konflikte, nicht zuletzt rund um künstlerische Fragen, führten zu zunehmenden Spannungen vor allem innerhalb des Leitungsteams. Zeitgleich eröffneten weitere Wiener "Kellertheater", die Konkurrenz stieg, Schauspielerinnen und Schauspieler wanderten ab. Zuletzt war die Situation so prekär, dass die Hochschülerschaft die Ausfallshaftung verweigerte.
Am 19. Oktober 1950 wurde die fünfte Spielzeit noch eröffnet – doch am 12. November 1950 hieß es "Schließung des Studios infolge Kündigung durch den Hausherrn (Österr. Hochschülerschaft". Die letzten beiden Premieren waren Nestroys Der Talisman in der Regie von Helmut Qualtinger und Günther Weisenborns "deutsches Requiem" Die Illegalen in der Regie von Helmut H. Schwarz.

In eine Rückschau auf die Jahre des Studios meinte dessen Gründer Friedrich Langer, der später Pressereferent des Ministeriums für Wissenschaft und Forschung wurde und Professor für Theatergeschichte am Max Reinhardt Seminar wurde: "Es bleibt Bitterkeit! Die Ideale, die wir damals aufgebaut haben, sind weg. Obwohl es uns materiell in Österreich viel, viel besser geht, als wir uns jemals haben träumen lassen. Aber der Elan, die Unverfrorenheit, die sind abhanden gekommen." (Bevor alles verweht ..., S. 34)

==Literatur== Herbert Lederer: Bevor alle verweht ... Wiener Kellertheater 1945–1950. Wien 1986, S. 24–40.
Heidi Jandl: Österreichische Studenten- und Studiobühnen im kultur- und gesellschaftspolitischen Konnex der ersten Nachkriegsjahre, 1945-1950. Diss. Wien 1982 (4 Bände).
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