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< zurück Das Union Kino war ein kleines, holzüberdachtes Hofkino, das in das Wohnhaus in der Sechsschimmelgasse 16 nachträglich eingebaut worden war. Das einfach gestaltete Kino hatte einen Kinosaal, einen Warteraum mit Kassa und ein Kinobuffet. Es gab aufgrund der sicherheitstechnischen Vorgaben von Beginn an eigene Ein- und Ausgänge sowohl in den Kinosaal wie auch in das Kinogebäude selbst, sodass die Kinobesucherinnen und Kinobesucher das Kino nach der Filmvorstellung verlassen konnten, ohne den Eingangsbereich mit Buffet und Warteraum noch einmal zu passieren. Beide Gebäude-Zugänge waren zur Straße ausgelegt. Zeittypisch war auch die Gestaltung des Kinos, das sich stark an einen Theatersaal anlehnte. So waren die Sitzplätze auf zwei Ebenen verteilt, es gab ein Parterre und eine Galerie, auf der jedoch nur rechts Plätze errichtet wurden, und auf beiden Ebenen gab es eine Reihe von Logen. Der Zutritt in den Vorführraum erfolgte über einen Eingang an der Frontseite des Saals, an der sich auch die Bildprojektionsfläche befand. Auf der Galerie befand sich das Kinoorchester und der Operateursraum. Auch das Dekor des Saales griff den erhaltenen Kinoplänen zufolge Elemente auf, die aus dem Theater bekannt waren, so wurde beispielsweise die Galerie mit Rundbögen zwischen den Stützpfeilern gegliedert, die Pfeiler mit Kanneluren verziert und die Wand mit eleganten Lampen und Details geschmückt. Ab 15. April 1915 war das Kino im Besitz von Arthur und Margarete Koch (geborene Wilka, 1883-1944), die das Kino gemeinsam führten. Die Lizenz lief zunächst auf den Namen des 1883 in Wien geborenen Arthur Koch, da sich dieser allerdings von 1915 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs im Kriegsdienst befand, gab seine Frau, Margarete Koch, in einem späteren Schreiben an, das Kino aufgrund der „im Wehrdienst erlittenen Krankheit“ ihres Mannes allein geführt zu haben. Die Lizenz lief ab 1922 auf beide Namen und ab 1933 auf Margarete Koch allein. Bei Renovierungsarbeiten im April 1923 kam es zu einem Einsturz der morsch gewordenen Holzdecke des Kinos. Verletzte gab es bei diesem Vorfall keine, und das Kino konnte nach einer vollständigen Erneuerung des Daches im August 1923 wiederöffnen. Der Fassungsraum des Union Kinos veränderte sich im Laufe seiner Bestandszeit mehrmals. Zum Zeitpunkt der Übernahme von Margarete und Arthur Koch hatte das Kino einen Fassungsraum von 229 Besucherinnen und Besuchern. 1922 lag der Fassungsraum bei 248 Personen, 1924 vergrößerten die Eigentümer den Kinosaal durch weitere Umbauten auf 266 Plätze. So wurden unter anderem die Balkonsitze in Logenplätze umfunktioniert und weitere Sitzplätze im Parterre hinzugefügt. Außerdem wurde um Genehmigung zur Vergrößerung des Apparatenraums gebeten, um einen zweiten Apparat aufstellen zu können. Das Ansuchen wurde allerdings vom Wiener Magistrat mit der Begründung abgelehnt, dass zur Aufstellung eines zweiten Apparates eine Raumtiefe von mindestens drei Metern bestehen müsste. Das Union Kino befand sich in unmittelbarer Nähe zu einer Reihe anderer Kinos wie dem Schubert Kino und dem Mozart Kino, und als auch das Colosseum zu einem Kino umgebaut wurde, dessen Beliebtheit kleinere Kinos kaum standhalten konnten, baten die beiden Inhaber*innen 1926 darum, ihre Lizenz auf eine andere Adresse übertragen zu dürfen, als geplanten neuen Standort ihres Kinos gaben sie den Kohlmarkt 8 an und führten als Begründung ihre Sorge an, sonst dem „Ruin preisgegeben“ zu sein. Die Verlegung wurde jedoch mit dem Argument, dass das Union Kino trotz der vorhandenen Konkurrenz sehr gut besucht sei, vom Wiener Magistrat abgelehnt. Nach dem Ableben Arthur Kochs im Jahr 1931 war Margarete Koch Alleininhaberin des Kinos und führte es bis zu ihrem Tod im Jahr 1944. Noch im ersten Jahr ihrer alleinigen Führung ließ Koch, relativ spät im Vergleich zu den meisten anderen Wiener Kinos, ihr Kino zu einem Tonkino umbauen, nachdem die Vergrößerung des Apparatenraums zur Aufstellung eines Klangfilm-Apparates genehmigt worden war. Von 1934 an hatte das Kino einen Fassungsraum von 256 Plätzen. Mit dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 wurden alle Kinos binnen weniger Tage unter NS-Aufsicht gestellt und mussten raschestmöglich ihre Namen ändern, so wurden aus dem Union Kino die Union Lichtspiele. Margarete Koch erhielt eine „vorläufige Spielerlaubnis“ zur Aufrechterhaltung ihres Betriebs und beantragte 1939 die „Eingliederung“ in die Reichsfilmkammer, ihre Aufnahme wurde jedoch zunächst mehrmals abgelehnt, da ihr Mann Arthur Koch jüdischer Abstammung gewesen war. Zudem wurde ihr vorgeworfen, die NSDAP nicht ausreichend mit Spenden zu unterstützen und der Partei in ihrer illegalen Zeit nicht positiv gegenübergestanden zu haben. Das Verfahren um ihre Aufnahme in die Reichsfilmkammer zog sich über mehrere Jahre und ging mit einer Vielzahl von Untersuchungen zu ihrer Person einher, an der u. a. auch die Geheime Staatspolizei beteiligt war. 1941 wurde Margarete Koch schließlich die Aufnahme in die Reichsfilmkammer doch in Aussicht gestellt, jedoch infolge eines denunzierenden Schreibens eines „Kriegsgeschädigten“ an Baldur von Schirach erneut aufgeschoben und erst 1942 offiziell bestätigt. Die kriegsbedingt erschwerte Materialbeschaffung führte dazu, dass von der Reichsfilmkammer ein „Pendelverkehr“ zwischen den Wiener Kinos eingerichtet wurden. So standen die Union Lichtspiele ab 1941 im Pendelverkehr mit den Savoy Lichtspielen in der Thaliastraße 28, 1160 Wien, und den Mozart Lichtspielen. In der Bezirksrangfolge stand das Kino zu diesem Zeitpunkt an zweiter Stelle. Am 6. Oktober 1944 starb Margarete Koch im Alter von 61 Jahren. Das Kino ging in Erbfolge an ihren Neffen Otto Wilka und dessen Frau Wilhelmine Wilka. Nur wenige Monate später wurde kurz vor Kriegsende das gesamte Gebäude in der Sechsschimmelgasse 16 bei einem Bombenangriff zerstört und zuletzt zur Sprengung freigegeben. Nach Kriegsende wurde Dr. Alfred Migsch als öffentlicher Verwalter für das Union Kino eingesetzt. Eine Ausführung seines Amtes hielt dieser allerdings nach eigenen Angaben nicht für nötig, da Gebäude und Kino völlig zerstört worden waren. 1948 wurde die öffentliche Verwaltung offiziell aufgehoben, da es de facto kein verwaltbares Vermögen gab und das Kino nicht mehr aufgebaut wurde. Heute befindet sich an dieser Stelle ein schlichtes Wohnhaus, das nach dem Krieg errichtet wurde. < zurück |